Wider die sozialen Probleme
Bibliothek als Besserungsanstalt

Großbritanniens Hauptstadt London will mit einer Mischung aus Internet-Café, Bildungszentrum und Bücherei Jugendliche von der Straße holen und Kriminalität bekämpfen. Die Londoner Lösung könnte auch ein Modell für deutsche Städte wie Berlin sein.

LONDON. Es sind nur wenige Schritte über eine Straßenkreuzung, aber wer die Commercial Road im Osten der Londoner Innenstadt überquert, der weiß sofort, dass hier eine Demarkationslinie verläuft. Präzise wie ein Skalpell teilt die Asphaltschneise Arm von Reich, Erfolg von Elend, Arbeitslosigkeit von lukrativen Jobs.

Auf der westlichen Seite der Ausfallstraße liegt die Londoner City mit ihren Glas- und Stahlpalästen, den teuren Restaurants und den gepflegten Pubs und Bars, in denen sich Banker und Anwälte nach Büroschluss zum Feierabend-Bier treffen. Östlich der Commercial Road beginnt eine andere Welt mit verrußten Backsteinbauten, orientalischen Marktständen und einer kleinen Armee von Vietnamesen, die raubkopierte DVDs auf der Straße feilbieten.

Sergio Dogliani lebt auf der falschen Seite der Grenze, im Stadtteil Tower Hamlets – mit einer Arbeitslosenquote von 22 Prozent einer der ärmsten Bezirke in ganz Großbritannien. Über ein Drittel der Bevölkerung hat Wurzeln in Bangladesch. „Einem Viertel der Leute hier fehlen die absoluten Grundkenntnisse, um überhaupt irgendeinen Job zu bekommen“, erzählt Dogliani.

Der gebürtige Italiener mit dem scharf geschnittenen hageren Gesicht hat eine Vision und eine Mission: Er will die unsichtbare Grenze an der Commercial Road durchlässiger machen. Dogliani arbeitet für den Bezirk Tower Hamlets, und er gehört zu den Vätern des Projekts „Idea Stores“. Das lässt sich am ehesten als Ideenkaufhaus übersetzen, es ist eine Mischung aus Bibliothek, Bildungszentrum und Internet-Café.

Die „Idea Stores“ gelten als bislang ehrgeizigster Versuch in Großbritannien, mit kulturellem Engagement den Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Jugendkriminalität und Gewalt aufzunehmen. Und die „Idea Stores“ gelten als mögliches Exportmodell –auch in deutschen Metropolen wie Berlin könnte sich das Ideenkaufhaus bewähren.

„Deutschland macht derzeit dieselben Fehler wie Großbritannien vor 20 Jahren“, warnt die Berliner Stadtplanerin Cordelia Polinna. „Die Ausgaben für öffentliche Bildungseinrichtungen werden auf ein Minimum zurückgefahren. Leuchtturmprojekte wie die ,Idea Stores’ helfen, innerstädtische Problembezirke vor dem weiteren Abstieg zu bewahren“, ist sich Polinna sicher.

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