Wirtschaftsmacht Indien: Teil 2
Indiens neue Mittelschicht stürzt sich in den Konsum

Seine explosiv wachsende Konsumentenklasse macht Indien zu einem Zukunftsmarkt für Firmen, die im gesättigten Westen kaum noch wachsen können. Der Kaufrausch soll bis Ende des Jahrzehnts alleine 300 Millionen Inder zu neuen Mobilfunkkunden machen. In spätestens zehn Jahren soll Indiens Konsumbedarf so groß sein wie heute in der Volksrepublik.

In seiner Verfassung definiert sich Indien weiterhin als „sozialistische“ Republik. Aber 15 Jahre nach der Wende zum Kapitalismus hat der Markt hat das Land inzwischen fest im Griff. Die Sehnsüchte des heutigen Indiens werden gegen bare Münze gehandelt. Seine Menschen haben Gandhis asketisches Ideal nobler Armut genauso begraben wie Nehrus Autarkie-Träume. Deutlich wird der rasche Wandel, der die Nation erfasst hat in Gurgaon, einer seelenlosen Trabantenstadt südwestlich von Delhi. Hier unter ihresgleichen zu leben und nach westlichen Strickmustern zu arbeiten und zu konsumieren ist der Traum einer aufstrebenden Mittelschicht. Deren Zahl schwillt jedes Jahr um viele Millionen an.

In den 80er Jahren war Gurgaon ein Nest mit ein paar zehntausend Einwohnern. Heute leben dort etwa eine Million Menschen, und in 15 Jahren sollen es über drei Millionen sein. Mit fieberhafter Ungeduld spuckt die Retortenstadt neue Multiplex-Kinos, Einkaufszentren, Bars und Restaurants aus. Endlose Reihen von Wohnsilos wuchern in den staubgelben Himmel, und entlang monotoner Achsen, die irgendwann in der Steppe versanden, schießen immer neue Büroblocks aus dem Boden. Darin verrichten blutjunge Inder gut bezahlte Dienstleistungen, die aus dem Westen abgewandert sind. Sie geben einen Teil ihrer Löhne bei Adidas, Marks & Spencer oder Benetton aus und essen bei McDonald’s.

Auf großen Plakaten feiert sich Gurgaon als „Indiens Shopping-Mall-Hauptstadt“. Ein Dutzend Einkaufszentren sind im Betrieb, an 30 weiteren wird gebaut, darunter ist In- diens größtes: Der Betonklotz ist einen Kilometer lang und hat fünf Stockwerke. Die Auslagen in diesen Konsumtempeln saugen aus dem Umland angereiste Bauern mit großen Augen auf. Das Flanieren in solchen Einkaufszentren ist zur liebsten Freizeitbeschäftigung von Schichten geworden, die sich dort kaum etwas leisten können. Aber ihre Begierde ist geweckt. Die Anonymität dieser Orte verwandelt sie in Gleichmacher. Hier haben auch Schichten Zutritt, die in teure Läden in Delhis noblen Vierteln kaum eingelassen würden. Vereint im Konsum, oder zumindest im Traum davon, reiben sich Arme an Reichen, Unberührbare an Brahmanen, Bauern an smarten Großstädtern.

Gurgaon ist ein Produkt der Globalisierung. Wie Bangalore und Hyderabad im Süden ist die Stadt eine Drehscheibe für Indiens florierende Dienstleistungsexporte geworden. Auf der Suche nach niedrigeren Kosten hat dort auch Arvato ein Büro eröffnet, die Dienstleistungstochter des Bertelsmann- Konzerns. Die Gründerzeit-Atmosphäre, der Tatendrang und der Individualismus, die Indien Schwung verleihen, schlagen sich in der Kantine nieder. „I am a self-made man, and I worship my creator“, steht dort in großen Lettern angeschlagen. Übersetzt heißt das so viel wie: „Ich habe mich selbst zu dem gemacht, was ich heute bin, und ich bete meinen Schöpfer an.“ Mit diesem Sinnspruch vor Augen entspannen Mitarbeiter zwischen Anfang und Mitte 20 von ihrer Arbeit: der Verwaltung von Meilenprogrammen für europäische Fluglinien.

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