„Wirtschaftsmacht Indien“: Teil 8
Indiens „Herz der Finsternis“

Indiens Wissensindustrien sind eine Herausforderung für den Westen. Doch innerhalb des Landes lässt ihr Aufblühen den Graben zwischen gebildeten Globalisierungsgewinnern und schlecht Qualifizierten rasant steigen. Millionen Arme bleiben ausgeschlossen von den Vorteilen einer zunehmenden Verflechtung ihres Landes mit der Weltwirtschaft.

Indiens schöne neue Wissens-Wunder- Welt hat einen Systemfehler: Rund 380 Millionen können weder lesen noch schreiben und bleiben vom Informationszeitalter abgeschnitten. Und von den zwei Dritteln der Inder, die ihr Leben auf dem Land fristen, sind die wenigsten auf dem Sprung in eine goldene Dienstleistungszukunft. Indien ist nach wie vor ein bitter armes Land, vor allem außerhalb seiner Metropolen. Bereits wenige Kilometer entfernt von Bangalores Softwareparks leben Menschen in Dörfern, durch die Kloake läuft. Wer hier auch nur einen Ochsenkarren besitzt, zählt bereits zu den Privilegierten.

Die modernen Industrien in den Städten entwickeln keine Strahlkraft hinaus aufs flache Land, und wegen seiner unzulänglichen Verwaltungsmaschinerie setzt Indien sein hohes Wirtschaftswachstum beschämend schlecht in Entwicklungsfortschritte um. Jedes elfte Kind stirbt innerhalb der ersten fünf Jahre. Ein Inder, der heute auf die Welt kommt, hat eine Lebenserwartung von 64 Jahren. Das sind 14 Jahre weniger als ein Deutscher und acht Jahre weniger als ein Chinese oder Brasilianer. Solange ein großer Teil der Bevölkerung anfällig ist für Krankheiten, kaum gebildet und abgeschnitten von Strom und Telefon, bleiben der Tragweite der Wissens- und Dienstleistungsrevolution Grenzen gesetzt, die Indiens Oberschicht gute Ausgangsbedingungen im globalen Wettbewerb verschafft.

Die Entwicklungsklüfte, die sich in dem Land auftun, haben sich seit 1991 deutlich beschleunigt. Denn die damalige Wende zur Marktwirtschaft brachte auch eine weit gehende Dezentralisierung, durch die der Bund viele Ressourcen und Vollmachten in die Hände der Unionsstaaten übertrug. Das entfesselte einen Standortwettbewerb, der Reformen fördert. Zugleich weist Indiens Reform- und Entwicklungstempo heute extreme regionale Divergenzen auf. Die zentrale Kontrolle privater und öffentlicher Investitionen hatte es zuvor möglich gemacht, Industrien gleichmäßig über das Land zu verteilen. Seit Kapital von alleine in die Gegenden fließt, wo es am produktivsten ist, wächst die Wirtschaft insgesamt viel schneller, aber gleichzeitig werden große Teile des Landes von der Entwicklung abgekoppelt und fallen immer weiter zurück.

Anders als in China, das mit seiner Öffnung in Guangdong begann und Reformen schrittweise auf andere Provinzen ausdehnte, war Indiens Liberalisierungsprozess regional nie selektiv. Dennoch schafft er größere Ungleichgewichte. In der Volksrepublik boomt die Wirtschaft am heftigsten in den Küstenregionen, wo gleichzeitig die große Mehrheit der Bevölkerung lebt. In Indien verhält es sich genau andershe- rum: Auch dort boomen die Küstenstaaten, von Gujarat und Maharashtra im Westen bis zu den südlichen Staaten Goa, Karnataka, Tamil Nadu und Andhra Pradesh, zunehmend aber auch im Osten. Aber Indiens Bevölkerung konzentriert sich im küstenfernen Hinterland, besonders im Norden, und von Rajasthan bis Bihar liegt ein Armutsgürtel bleischwer über dem Land.

Uttar Pradesh, mit 166 Millionen Einwohnern der größte Unionsstaat, hat fast so viele Einwohner wie Brasilien. Als unabhängige Nation besäße er die sechstgrößte Bevölkerung der Welt. Im benachbarten Bihar leben noch einmal 82 Millionen Menschen und damit so viele wie in Deutschland. Doch beide zählen zu Indiens rückständigsten Staaten. Die Hälfte ihrer Einwohner sind Analphabeten, und das Wirtschaftswachstum ist unter das vor der Liberalisierung eingebrochen. Dabei weisen die riesigen, armen Staaten Nordindiens die höchsten Geburtenraten auf und bräuchten daher am dringendsten neue Industrien. Doch deren Entstehen verhindert das lokale Investitionsklima.

In Bihar und weiten Teilen Uttar Pradeshs ist die öffentliche Ordnung zusammengebrochen und Gangster haben die Macht übernommen. Entführungen und Schutzgelderpressung sind an der Tagesordnung. Wegen der Gefahr von Überfällen verkehren nachts selbst auf Bundesstraßen keine Autos und Lastkraftwagen. Beide Staaten sind von lokalen Politikern bankrott geplündert worden und haben daher für die elementarsten Infrastrukturmaßnahmen kein Geld. Weite Teile Bihars versinken nachts in eine elektrizitätslose Finsternis, Überlandstraßen sind von so vielen Kratern zerlöchert, dass selbst Jeeps nur Schritttempo fahren können. Zwischen Mafiaorganisationen und Parteien bestehen kaum Unterschiede, in vielen Fällen ist ihr Personal austauschbar. Die Mittelschicht verlässt den Staat in Scharen. Es gibt kaum noch Ärzte, mit katastrophalen Folgen für die öffentliche Gesundheit.

Liberalisierung und Dezentralisierung haben die ökonomische Einheitlichkeit des Landes gesprengt. Das lokale In- vestitionsklima schwankt beträchtlich. Fortschrittliche Staaten werden mit neuen Fabriken und einem Zufluss talentierter, ehrgeiziger Arbeitskräfte aus dem Rest der Nation belohnt. Sie konzentrieren sich auf wissensintensive Industrien und Dienstleistungen, die hohen Mehrwert schaffen, Steuern generieren und dadurch mehr Investitionen in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur erlauben. Das lockt wiederum Auslandsinvestoren an.

Im Zentrum Indiens ist ein kleines Schwarzafrika entstanden, Südasiens „Herz der Finsternis“. Der soziale Sprengstoff, der sich in den wirtschaftlich abgehängten Gebieten anhäuft, entlädt sich in ethnischen Spannungen, Kriminalität, Gewalt zwischen Kasten und bewaffneter Rebellion. „Naxaliten“ genannte maoistische Rebellen haben quer durch die ärmsten Gebiete des östlichen Zentralindiens einen „roten Korridor“ geschaffen, der vom Himalaja im Norden bis Andhra Pradesh im Süden reicht. Sie versuchen, den blutigen Bürgerkrieg, den sie in Nepal entfacht haben, nach Indien zu tragen. Die „befreite Zone“, die sie dort wirklich kontrollieren, beschränkt sich noch auf abgelegene Wald- und Dschungelgebiete. Aber aus diesen Rückzugsräumen starten sie immer wagemutigere Attacken, die ihre steigende Kraft und Zuversicht unterstreichen.

Der Aufstand um ihre Zukunft betrogener Habenichtse ist ein Fanal für Indien. Er verdeutlicht, wie groß die Kluft geworden ist zwischen explosiv wachsendem Wohlstand in manchen Regionen und Stagnation in anderen. Als Folge gibt es heute mehr Maoisten in Indien als in China. Sie sind keine ernste Bedrohung für die langfristige Stabilität der Nation. Aber der blutige Klassen und Kastenkrieg in Indiens Armutsgürtel unterstreicht, welchen Spannungen das Land ausgesetzt ist. Die permanenten Nadelstiche der Naxaliten sind eine Erinnerung an die Anstrengungen zur Minderung regionaler und sozialer Ungleichheiten, die Indien bewältigen muss, will es auf seinem Weg in eine bessere Zukunft nicht stürzen. Denn auf Dauer hält kein Land – Demokratie oder Diktatur – derart extreme Entwicklungsunterschiede aus.

Indiens korrupter, dysfunktionaler Staatsapparat ist nicht in der Lage, Wachstum in sozial gerechtere Bahnen zu leiten. Er versagt kläglich bei der Bereitstellung von Schulbildung, Gesundheitsversorgung und Nahrung für die Armen. Milliardenschwere Sozialprogramme verpuffen, weil das Geld in den Taschen von Politikern und Bürokraten landet. Ex-Premier Rajiv Gandhi brachte die Ineffizienz des Systems auf die bekannte Formel, von jeder Rupie, die der Staat für die Armen ausgibt, kämen nur 15 Prozent bei die- sen an. Daran hat sich seit den 80er Jahren wenig geändert. Das verdammt Millionen zum Warten darauf, dass der schnell wachsende Wohlstand der Oberschicht langsam zu ihnen herunter durchsickert. Das dauert.

Dieser Text stammt aus „Wirtschaftsmacht Indien – Chance und Herausforderung für uns“ von Oliver Müller, Handelsblatt-Korrespondent in Neu Delhi. Hanser Verlag, München, 302 Seiten, 19,90 Euro.

»  Zum Handelsblatt-Shop

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%