WM im Schlammfußball, Handyweitwurf und Frauentragen
In Finnland finden schräge Weltmeisterschaften statt

Fußballspielen im Schlamm, Handyweitwurf und Frauen-Weittragen sind noch nicht die bizarrsten Wettkämpfe, die in Finnland stattfinden: Bei der Weltmeisterschaft im Dauersitzen auf einem Ameisenhaufen zeigt sich, wer das beste Sitzfleisch hat.

HB HELSINKI. „Spinnen die Finnen?“ könnte reimend fragen, wer eine Liste der in diesem Jahr ausgerichteten „Weltmeisterschaften“ bei den Nordeuropäern studiert. Darin nehmen sich die 4. Welttitelkämpfe im Handy-Weitwurf in Savonlinna fast normal aus, wenn man die Weltmeisterschaften im Dauersitzen auf einem Ameisenhaufen dagegen hält. Diese Veranstaltung konnte es an Schmerzhaftigkeit, nicht aber an Anziehungskraft mit der Weltmeisterschaft im Sauna-Dauersitzen aufnehmen, bei der in Helsinki um die Wette geschwitzt wurde.

Wer stehen bleibt versinkt

Die wiederum zog immer noch weniger Zuschauer an als die 12. Weltmeisterschaften im Schlammfußball in den Sümpfen von Hyrynsalmi, wo Tausende die Akteure permanent in Bewegung sahen. Wer stehen blieb, musste mit dem sofortigen Versinken rechnen. Zu den größten Zuschauermagneten aber wurden die 8. Weltmeisterschaft für „Luftgitarristen“ in Oulu und die 12. Weltmeisterschaft im Frauentragen. In Sonkajärvi bejubelten und belachten 11 000 Zuschauer an zwei Tagen Vor-, Zwischen- und Endläufe durch einen Wassergraben und über ziemlich hohe Hürden.

Handy-Weitwurf entstand aus "sehr persönlichem Verhältnis" zum Handy

Semu Sentala soll sich kurz geärgert haben, als er den Weltrekord von Petri Valta im Handy-Weitwurf Ende August mit 66,72 Metern knapp verpasste. Aber bestimmt nur kurz, denn laut Regelbuch spielten Erheiterung des Publikums und künstlerischer Ausdruck eine ebenso wichtige Rolle wie die Weite. Kunstvoll gezierte Anläufe mit Pirouette beim Frauenwettbewerb wurden von den Zuschauern ungeachtet schlapper Weiten genau so kräftig bejubelt wie Valtas Weltrekord letztes Jahr mit einem ausgedienten Nokia 5110.

Die Idee zum Handy-Weitwurf habe ihre Wurzel im „sehr persönlichen Verhältnis“ der Finnen zu ihrem Mobiltelefon, berichtet Christine Lund von den Veranstaltern. „Oft hasst man das Ding ja so, dass man es wegschleudern möchte. Andererseits sind meine Landsleute auch immer besessen von den neuesten Modellen und wollen die alten möglichst weit weg schmeißen.“ Beides lasse sich als philosophische Grundüberlegung wunderbar zu einem Spaß-Wettbewerb weiterverarbeiten.

Weltmeisterschaften für schmutzige Sprüche

Weniger elegant und vor allem druckreif dürften die Überlegungen von Ausrichtern der „Weltmeisterschaften für schmutzige Sprüche“ ausfallen. Beim Frauentragen in der Nähe von Tampere berufen sich die Veranstalter auf „lokale Traditionen“, wonach die legendäre Rosvo-Ronkainen-Brigade im 19. Jahrhundert nur solche Männer als Soldaten akzeptiert habe, die eine Frau über einen „anspruchsvollen Parcours“ zu tragen vermochten. Heute werden WM-Teilnehmerinnen als Huckepack zugelassen, wenn sie mindestens 49 Kilo wiegen. Aber auch hier heißt es im Regelbuch: „Alle Teilnehmer müssen Spaß haben.“

Diese Eigenart finnischer Weltmeisterschaften hat sich über die Landesgrenzen herumgesprochen. Zum Handy-Weitwurf meldeten sich australische Teilnehmer, und beim Sumpffußball hätte man sogar die ausgefeilte Technik südamerikanischer Ballkünstler bewundern können. Wäre da nicht der Sumpf gewesen.

Eher Spaßveranstaltung als WM

Verpönt unter den Veranstaltern sind Aussagen zur Berechtigung des Gattungsbegriffs „Weltmeisterschaft“. Man nennt die Spaß-Veranstaltung halt so, ehe ein anderer drauf kommt und kann deswegen ein Presseecho aus fernen Ländern bestaunen. Warum überhaupt im Land der 1000 Seen und Saunen so massiv bizarre Wettbewerbe durchgeführt werden, erklärt der Organisator der WM für rotzige Sprüche so: „Nur die Finnen sind verrückt und blau genug.“ Mit dem Sommer geht nun auch die finnische WM-Saison zu Ende - solange, bis es klirrend kalt geworden ist. Dann stehen in einem Freibad in Helsinki die 4. Weltmeisterschaften im Winterschwimmen an.

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