30 Jahre Haldern Pop
Eine Marke feiert Geburtstag

Das Haldern Pop überlebt seit 30 Jahren, obwohl es weder expandiert noch die Preise merklich erhöht. Längst ist das Festival zur Institution geworden – deutschlandweit. Das Geheimnis des Erfolgs: eine starke Marke.
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Als Stefan Reichmann vor 30 Jahren das Haldern Pop auf einer Wiese im Nirgendwo des Niederrheins aus der Taufe gehoben hat, stand am Anfang reiner Pragmatismus: „Ich wollte mit dem Fahrrad zum Festival fahren.“ Denn sonst ist in dieser ländlichen Gegen nicht viel los. Haldern ist ein Stadtteil von Rees.

Der Ort zählt gut 5000 Einwohner, ist landwirtschaftlich geprägt. Es gibt zwei Supermärkte, einen Gasthof, der Regionalexpress hält etwa einmal die Stunde. Und nur wenige Gehminuten vom Ortskern entfernt versammeln sich einmal im Jahr 6000 Musikfans auf den gleichen Wiesen wie seit Jahrzenten. Festivalleiter Reichmann kann noch immer mit dem Fahrrad hinfahren. Auch, wenn das Haldern Pop zu nationalem und internationalem Ruhm gelangt ist. Erst 2012 wurde es bei den unabhängigen Festival Awards als „Best European Small Festival“ gekürt.

Das Festival, das einst mit einigen Boxen und Musik von Platte oder Band begann, ist heutzutage so etwas wie der nachhaltigste Insidertipp der Festivalszene. Reichmann und sein Team haben bei der Auswahl der Künstler, die auftreten, stets ein Händchen für Newcomer bewiesen. Mumford & Sons, Fleet Foxes, Kings of Leon, Kate Nash – alle spielten in Haldern, bevor sie richtig groß wurden. In diesem Jahr avanciert der junge Brite Tom Odell zum heimlichen Star, der mit seiner Debüt-Single „Another Love“ die deutschen Top-20 geknackt hat und dessen erstes Album unlängst an die Spitze der britischen Charts kletterte. „Dabei laden wir nur Künstler ein, die wir selber gut finden“, kommentiert Reichmann.

Es ist diese Authentizität, die Alleinstellungsmerkmal des Haldern Pop ist. Allerdings will die Glaubhaftigkeit auch gepflegt sein. Und damit das Markenimage. „Eine starke Marke entsteht durch Produktqualität, Kontinuität und Charakter“, erklärt Frank Dopheide, Werber und Gründer der Deutschen Markenarbeit. Charakter beinhaltet Vertrauen und Identifikation. „Das Haldern Pop steht für etwas“, so Dopheide weiter. Das Festival vermittle „Musik, wie sie sein soll.“ Dazu gehört auch, Musik live entdecken zu können.

Tatsächlich lebt das Haldern Pop von seiner Intimität – soweit in diesem Rahmen möglich. „Wir wollen die Künstler von unserem Festival, unserer Kultur überzeugen“, sagt Reichmann und ergänzt: „Die Kultur fängt beim Publikum an.“ Tatsächlich springt der Funke leicht von der Bühne auf die Leute davor über – und umgekehrt.

Die Konzerte finden nicht nur isoliert auf dem Festivalgelände statt, sondern auch in der örtlichen Kirche, auf dem Marktplatz oder der seit einigen Jahren bestehenden „Haldern Pop Bar“, die auch unabhängig vom Festival Programm anbietet. Ganz Haldern ergibt sich an diesen wenigen Tagen im Jahr willig in das Schicksal, von Musikfans eingenommen zu werden. Sicher nicht zuletzt, da der Einzelhandel an den Besuchern prächtig verdient.

Ein Aspekt, den die Festivalleitung sorgfältig pflegt, ist der der Regionalität. „Wo sind unsere Wurzeln?“ ist die Frage, die es laut Reichmann bei der Planung zu beachten gilt. Er empfindet den Niederrhein als Heimat, möchte die Region für junge Menschen attraktiv halten. Nicht nur kulturell, sondern auch mit Arbeitsplätzen. Reichmanns Beitrag ist das Label „Haldern Pop Recordings“. „Wenn das weiter wächst, können wir Jobs anbieten, die sie sonst nur in Köln, Berlin oder Hamburg finden können“, sagt der Festivalchef.

Darüber hinaus versucht das Festival aber auch, Unternehmen aus der Region zu begeistern, sich über das Haldern mehr in der Region zu engagieren. Auch damit, erklärt Frank Dopheide, liegt die Veranstaltung am Puls der Zeit. Nach dem Megatrend der „Entsinnlichung der Welt“ nehme nun die Sehnsucht nach Realem, Erfahrbaren, Ehrlichen wieder zu. „Das Haldern Pop bietet ein tolles Spannungsfeld“, so Dopheide weiter. Die Mischung aus internationalen Künstlern, die bisweilen kurz vor dem Durchbruch stehen, und regionalem Hintergrund nennt der Experte „wertvoll“.

Generell wichtig für Veranstaltungen dieser Art: das Gefühl, Teil der Gemeinschaft zu sein. Das gemeinsam Erlebte verbindet, das wiederum stärkt die Marke. Auch die Limitierung auf ein so kleines Kartenkontingent ist aus Sicht des Markenexperten ein cleverer Zug. „Die Begehrlichkeit steigt mit der Exklusivität“, erläutert Dopheide.

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Wer zu viel verlangt, darf nicht kommen

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