Aberkennung der Danziger Ehrenbürgerschaft unwahrscheinlich
Grass kritisiert „verletzende Diskussion“

Die Enthüllungen des Autors Günter Grass und die daraufhin ausgebrochenen Diskussion haben Entrüstung, aber auch Solidarität hervorgerufen. Günter Grass selbst fühlte sich von einigen Reaktionen persönlich verletzt.

HB HAMBURG. Der Schriftsteller Günter Grass hat die Reaktionen auf seine späte Enthüllung, als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, als persönlich verletzend kritisiert. „Sicher ist es auch der Versuch von einigen, mich zur Unperson zu machen“, sagte der Literatur-Nobelpreisträger (78) am Montag in einem dpa-Gespräch. „Deshalb bin ich dankbar, dass es differenzierende Gegenstimmen gibt. Ich kann nur hoffen, dass einige Kommentatoren jetzt mein Buch genau lesen.“ Die Debatte um das Eingeständnis des Schriftstellers vom Wochenende ging auch am Montag erregt weiter. Grass hatte in Interviews überraschend enthüllt, dass er als Jugendlicher 1945 ein paar Monate lang der Waffen-SS angehörte.

In seiner am 1. September erscheinenden Kindheits- und Jugend- Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ (Steidl Verlag) berichtet Grass erstmals über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. „Deutlicher, genauer aus meiner Erinnerung habe ich nicht ausdrücken können, wie ich mich im Alter von 16/17 Jahren verhalten habe. Und dass ich diesen Makel, und ich habe das als Makel empfunden, über 60 Jahre lang zu spüren hatte und versucht habe, daraus meine Konsequenzen zu ziehen. Dem entsprach mein späteres Verhalten als Schriftsteller und als Bürger“, sagte Grass.

Auf die Frage, warum er so lange geschwiegen habe, sagte Grass: „Erst, als ich mich entschlossen habe, über meine jungen Jahre zu schreiben, was mir als jungem Mann widerfahren ist, fand ich diese literarische Form. Sie ermöglichte es mir, endlich auch über die Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu schreiben und zu sprechen.“

Der Steidl Verlag wies Vermutungen zurück, Grass habe mit dem Eingeständnis den Verkauf seiner Autobiografie anheizen wollen. Dass Grass dieses Thema im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ansprechen würde, sei zwar klar gewesen, sagte eine Verlagssprecherin in Göttingen. „Aber dass es diese Wendung kriegt, hat uns überrascht. Das war in keiner Weise von uns lanciert.“

Günter Grass: Bilder eines Schriftstellerlebens

Die Enthüllung des Autors rief bei Politikern und Intellektuellen Entrüstung und Schweigen, aber auch Solidarität hervor. Der CDU- Kulturexperte Wolfgang Börnsen forderte in der „Bild“-Zeitung, Grass solle seinen Nobelpreis zurückgeben. Polens früherer Präsident und Friedens-Nobelpreisträger Lech Walesa verlangte von Grass die Rückgabe seiner Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig.

Ähnlich äußerte sich Jacek Kurski, Mitglied der konservativen polnischen Regierungspartei PiS und Parlamentsabgeordneter: „Es wäre gut, wenn Grass den Titel freiwillig zurückgeben würde.“ Sollte Grass den Schritt nicht von sich aus gehen, werde die PiS eine Resolution im Danziger Stadtrat einbringen, um Grass die Ehrung zu entziehen. „Es ist für eine Stadt, in der das erste Blut vergossen wurde, in der der Zweite Weltkrieg begann, nicht zumutbar, ein Mitglied der Waffen-SS als Ehrenbürger zu haben“, sagte Kurski.

Der Rat der polnischen Stadt werde nach den Sommerferien darüber beraten, ob dem in Danzig geborenen Grass die Ehrenbürgerschaft wieder aberkannt werden sollte, teilte eine Sprecherin am Montag mit. Es sei derzeit aber unwahrscheinlich, dass eine Mehrheit dafür zu Stande komme.

Der Jenaer Historiker Norbert Frei bezeichnete die Mitgliedschaft von Grass in der Waffen-SS als „keine große Sache“. Die Waffen-SS des Jahres 1944 sei keine Eliteformation mehr gewesen, sagte der Professor für Neuere und Neueste Geschichte im Deutschlandradio Kultur. Nach Ansicht des Historikers Arnulf Baring kann die Debatte um den Fall Grass zu einem „gelassenen und damit gerechteren Urteil über die Verstrickung vieler Deutscher in den Nationalsozialismus führen“.

Der Präsident der Schriftstellervereinigung Pen-Zentrum Deutschland, Johano Strasser, nahm Grass in Schutz. Im Bayerischen Rundfunk sagte Strasser, er halte die teilweise heftige Kritik an Grass für „fürchterlich überzogen“. Viele seiner jetzigen Kritiker wollten Grass offenbar „etwas heimzahlen“. Seine Vergangenheit habe Grass nie verheimlicht. Unbekannt gewesen sei bislang „nur dieser eine Punkt“ von Grass' Mitgliedschaft bei der Waffen-SS. Verwundert zeigte sich der Pen-Präsident jedoch, dass Grass das Bekenntnis nun in hohem Alter nachgeholt habe.

Zu seiner Enthüllung will sich Grass an diesem Donnerstag im ARD- Fernsehen äußern. Er wird Fragen von „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert beantworten. Dessen neue TV-Reihe „Wickerts Bücher“ wird aus diesem Anlass vorgezogen.

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