Altmeisterlose
Echte Sammler kehren zurück

Sie kamen wie der Canaletto-Experte und Kunsthändler Charles Beddington mit „gewissen Befürchtungen“ und verließen den Auktionssaal mit erhobenem Kopf. Sechs Lose erzielten in den Londoner Altmeisterauktionen Preise über 1 Mio. Pfund. Rückgangsquoten und Umsätze waren vom Wirtschaftsgeschehen wie unberührt. „Es gibt keinerlei Zeichen von Rezession“, so Beddingtons erfreuliche Bilanz.

LONDON. „Die Spekulanten bleiben weg, nun kehren die echten Sammler zurück“, meinte der Niederländer-Händler Johnny van Haeften, wieder der Hauptkäufer der Woche. Seine teuerste Erwerbung bei Christie’s, Frans Hals’ Halbporträt des Conradus Viëtor aus altem britischem Familienbesitz, erhielt er mit 1 160 000 Pfund brutto (1,3 Mio. Euro) fast zu einem Rezessionspreis – geschätzt waren 1,2 bis 1,8 Mio. Pfund. Van Haeften hatte ein Auftragsgebot abgegeben und erhielt das Bild, ohne im Saal nachlegen zu müssen. Für die winterliche Anbetung der Könige von Pieter Brueghel d.J. zahlte er dann mit 802 850 den vollen Schätzpreis.

Am nächsten Abend bei Sotheby’s ersteigerte van Haeften für 1 Mio. Pfund (1,3 Mio Euro) eine stürmische Küstenlandschaft von Jan Brueghel dem Älteren, die bis 1934 in der Barberini Sammlung war. Dann bewilligte er den Rekordpreis von 3,6 Mio. Pfund für die auf 500 000/ 700 000 Pfund taxierte, auf dem Katalogumschlag abgebildete „Frau in roter Jacke mit Papagei“ von Frans van Mieris d.Ä., mit 22 x 27 cm „der Inbegriff eines Kabinettbildes, das Beste seiner Art“. Haeften bot im Auftrag eines amerikanischen Sammlers und wäre, sagt er, noch höher gegangen.

Christie’s Ergebnis war besser als die Dezemberauktion im Vorjahr, als für 70 angebotene Lose 18,8 Mio. Pfund eingenommen wurden, bei einer Rückgangsrate von 46 Prozent. Nun wurden für 44 Lose 14,6 Mio. Pfund eingenommen, bei einer Rückgangsrate nach Losen von nur 20 Prozent. Christie’s will die Abendauktionen auf die frischesten und besten Werke konzentrieren. Aber die niedrige Loszahl reflektiert auch ein knappes Angebot. „Sammler verkaufen nicht, weil sie wissen, dass Altmeister ihren Wert behalten“, kommentierte van Haeften.

Die Marktsensation war die restauratorisch völlig unberührte „Flora“ des Giambattista Tiepolo bei Christie’s. Das Bild war in Vergessenheit geraten, weil es ein französischer Schlossbesitzer auf dem Dachboden versteckte, um seinen Kindern den Anblick eines nackten Busens zu ersparen. Abgesehen vom Staub der Jahre ist es nun exzellent erhalten. Die Finger schnellten hoch, als Gemälde aus einer wohl um 1760 für Zarin Elisabeth gemalten Gruppe mit der Lock-Taxe von 700 000/900 000 Pfund zum Aufruf kam. Es kam zu einem Zweikampf der Händler Fabrizio Moretti und Lucca Baroni, wobei Baroni, der seit Jahren im Auftrag eines amerikanischen Sammlers Höchstpreise bezahlt, mit 2,8 Mio. Pfund (3,3 Mio. Euro) die Oberhand behielt.

Viele Lose wurden ohne jede Krisenangst über Schätzung gesteigert. Eine „Flucht nach Ägypten“ von Simon Vouet verdreifachte die Taxe (349 250 Pfund), die kleinformatige Version einer der wichtigsten Blumenkompositionen von Jan Kessel verdoppelte sie (361 250 Pfund), ein Telefonbieter bezahlte 373 250 Pfund für eine Studioversion von Botticellis Cleveland-Tondo. Barthel Bruyns Renaissance-Porträt Gerhard von Westerburgs, das vom Kunsthistorischen Museum Wien den Erben Rudolf von Gutmanns restituiert wurde, ging für 469 250 Pfund an eine Saalbieterin. Bei den Goldgrundgemälden brachte Segna di Bonaventuras Madonna 937 250 Pfund.

Christie’s Rückgänge waren wohl Opfer zu hoher Taxen: Die Südsee-Prinzessin Poedua, von Kapitän Cooks Expeditionsmaler John Webber gemalt, war mit 0,8/1,2 Mio. Pfund zu teuer, auch die beiden Venedigveduten von Canaletto aus englischem Adelsbesitz, vor 250 Jahren direkt von Canalettos Händler, Konsul Smith, erworben. Nun sollten sie zusammen 10 Mio. Pfund kosten, laut Beddington „eine Schätzung, die schon in den wirtschaftlich besten Zeiten hoch gewesen wäre“. Es scheiterte das bessere Bild, die kristallklare, superb erhaltene Frontalansicht der Libreria mit Puppenspielern – Sammler von Venedig-Veduten wollen Wasser, Gondeln und Tiefenperspektive. Das hatte dann die Canale-Grande-Ansicht vom Palazzo Corner nach Nordwesten, die mit 3,8 Mio. Pfund teuerstes Los der Woche wurde.

Bei Sotheby’s war die Rückgangsrate mit 39 Prozent der Lose höher als bei Christie’s – u.a. weil es bei den marktbekannten Gemälden des italienischen Autohändlers Luigi Koelliker eine Reihe von Ausfällen gab. Auch einer Pieter-Brueghel-Kirmes, die 2007 zwei Mio. Pfund kostete und nun auf 2,5 bis 3,5 Mio. Pfund taxiert war, fehlte es an Marktfrische. Aber die Auktion brachte mit 12,3 Mio. Pfund fast die oberste Gesamttaxe.

Man sah die fundamentale Stärke, als Hendrik Frans van Lints vor einem Jahr bei Christie’s mit einer Schätzung von 300 000/500 000 Pfund zurückgegangenes Paar klassischer Landschaften nun, reduziert auf 180 000/250 000 Pfund, ohne Zögern auf 397 250 Pfund hochgeboten wurde. Spannendster Zuschlag war das auf Marmor gemalte Porträt des Renaissance-Bankers Bindo Altoviti von Girolamo Da Carpi – nicht gerade ein populärer Malername. Sotheby’s schätzt 200 000/300 000 Pfund für das eindrückliche Bildnis mit bravourös gemaltem Bart- und Pelzhaar. Es wurde gegen den Händler-Connaisseur Danny Katz einem Telefonbieter zugeschlagen – für die zehnfache Schätzung von brutto 3 Mio. Pfund (3,6 Mio. Euro).

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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