Art Basel Miami Beach
Systematisch in Kunst investieren

Die Art Basel Miami Beach bot willkommene Zuflucht vor weltweiten Krisenmeldungen. Mit guter Qualität und etablierten Namen überzeugte sie vor allem asiatische und amerikanische Käufer. Europäer wurden seltener gesichtet. Die Sammler kauften mit System und ohne Eile. Es wurde sogar gefeilscht.
  • 1

MiamiVergessen wir einmal, dass sich die Art Basel Miami Beach mittlerweile zur genialen Marketingplattform entwickelt hat. Der aus den Fugen geratene Eventkalendar mit Frühstücken, Lunches, Dinners und Partys rund um Kunst oder alle möglichen Luxusmarken kann den VIP fast rund um die Uhr beschäftigen. Aber die gerade zu Ende gegangene Messe selbst (1. bis 4. Dezember) war sicherlich eine der besten, wenn nicht die beste der bislang zehn Ausgaben. Sie scheint ihren ‚sweet spot’ gefunden zu haben. Die über 260 Stände boten ein homogenes Bild von etablierten und kunsthistorisch abgesicherten Namen, gute Qualität, große Formate und fröhlich-bunte Farben.

Offenbar bot die Messe eine willkommene Zuflucht vor weltweiten Krisenmeldungen. Offiziell wurden 50.000 Besucher (2010: 46.000) gezählt, so viele wie nie. Nord- und Südamerikaner kamen natürlich, und auch asiatische Interessenten flogen ein, wie etwa der bekannte Shanghaier Sammler Thomas Oh. Europäische Käufer machten sich dagegen etwas rarer. Am Ende des VIP-Tages berichteten viele Galerien von Verkäufen im sechs- und siebenstelligen Bereich. Dazu trug sicher auch die um sich greifende Praxis bei, Werke schon vorweg mit Hilfe gemailter Bilder zu verkaufen.

Kunst als Anlageklasse

Dass Kunst als Anlageklasse verfolgt wird, bestätigte Klaus Webelholz von der Galerie Bärbel Grässlin. Hier lief die Einzelausstellung von kleinen „Studies for untitled sculptures“ (15.000 bis 25.000 Dollar) des Kippenberg-Schülers Tobias Rehberger sehr gut. Hauser & Wirth (Zürich/ London/ New York) setzte erfolgreich auf großformatige Plastik. Drei Exemplare der rosafarbenen Skulptur „White Snow Dwarf (Bashful)“ von Paul McCarthy wurden zu je 950.000 Dollar weitergegeben.

Iwan Wirth verkaufte an Sammler in China, Europa, Mexiko und Nordamerika. „Uns überraschte die neue Ernsthaftigkeit Miamis. Sammler fixierten sich darauf, wichtige und herausfordernde Werke von Künstlern in Breite zu erwerben.“ Lucy Mitchell-Innes (New York) entdeckte dazu eine ganz neue Generation von jungen Sammlern unter 40 Jahre alt. David Zwirner (New York) gab gleich fünf Installationen seines jungen Neuzugangs Carol Bove weiter. Ihre nur scheinbar zufällige Objektsammlung „La Traversée Difficile“ (2008) ging zu 150.000 Dollar an die wichtige Colección Jumex in Mexico City, die Kunststiftung des Fruchtsaftproduzenten Grupo Jumex.

Wilde Verteilungskämpfe

Contemporary Fine Arts (Berlin) trennte sich sehr schnell von der furiosen Leinwandmalerei Marcel Eichners (40.000 Dollar) und Jonathan Meeses. Der sicherlich wildeste Verteilungskampf spielte sich aber bei Kavi Gupta (Chicago/ Berlin) im Nachwuchssektor „Art Positions“ ab. Nur vier Werke des Bildhauers und Performancekünstlers Theaster Gates, der im letzten Jahr auf der Whitney Biennial debütierte, fanden auf dem winzigen Stand Platz. Aber insgesamt konnte Gupta in den ersten drei Stunden etwa 40 Werke von Gates verkaufen, die meisten zu 30.000 Dollar. Einen begehbaren Pavillon (250 000 Dollar) gab er an Vorstandsmitglieder des Virginia Museum of Fine Art weiter. Gupta musste sogar die wichtige New Yorker Kunstberaterin Thea Westreich enttäuschen, die sich das Vorkaufsrecht auf künftige Werke sichern wollte.

Feilschen um jeden Preis

Aber es gab auch andere Erfahrungen. Eine Moderne-Händlerin klagte über eine Stimmung der Kostenoptimierung: es werde nun gefeilscht, was das Zeug hält, sogar um 3.000 Dollar. „Es ist in diesem Jahr sehr merkwürdig“, sagte auch der sonst erfolgsgewohnte Frederic Snitzer (Miami) am zweiten Tag ratlos. Kunden ließen sich mehr Zeit und checkten erst einmal das Angebot auf den Satellitenmessen. Da war besonders die auf 83 Händler angewachsene quirlige Nada erfolgreich, die nicht mehr nur als billige Nachwuchsmesse für Buntes gelten möchte. So zeigte Nye+Brown (Los Angeles) etwa eine Arbeit der kalifornischen Künstlerin Judy Chicago aus den 1960ern für stolze 350.000 Dollar.

Kommentare zu " Art Basel Miami Beach: Systematisch in Kunst investieren"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Super Beitrag, der das Messegeschehen kompetent und differenziert betrachtet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%