Adrian Ghenie
Kunstvolles Absichern des Investments

Welche Eigenschaften muss der erfolgreichste Künstler des Jahres 2016 haben? Einblick in die Checkliste von Sammlern und Zockern am Beispiel von Adrian Ghenie.
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DüsseldorfWann ist Kunst eine sichere Bank? Das fragen sich vor allem jene Kunstfreude, für die der Investmentaspekt große Bedeutung hat. Das Jahr 2016 hat zwar drastische Umsatzrückgänge gesehen, sich aber angesichts zweier Schocks (Brexit, Trump) solide gehalten. Im Bereich der zeitgenössischen Kunst waren bisweilen sogar raketenartige Preissprünge zu notieren. Im Rückblick kristallisiert sich Adrian Ghenie als der erfolgreichste lebende Künstler heraus.

Was hat Adrian Ghenie, das den Markt so befeuert? Einblick in die Checkliste von Marktstrategen, Zockern und Sammlern.

Tiefe Nachfrage Der 39-jährige Rumäne, der in Berlin lebt, hat seine Bestmarken im internationalen Auktionsgeschäft gleich mehrfach übertroffen: Im Februar 2016 ließ sich seine Aneignung zerfetzter Van Gogh-Sonnenblumen für 4,5 Millionen Dollar bei Sotheby’s absetzen. Es folgen im Oktober 9 Millionen Dollar für „Nickelodeon“ und im November 3,9 Millionen Dollar für „The Bridge“, beide bei Christie’s.

Persönlicher Stil Die internationale Sammlerschaft liebt und verehrt den Maler für seine höchst persönliche Handschrift. Sie ist eine Mischung aus Collage und Malerei, aus Abstraktion und Figuration, aus Anlehnung an die objektive Geschichte (Darwin, Hitler, Stalin, Dr. Mengele) und subjektiver Erinnerung. Inhaltlich geht es meist um Macht und Machtmissbrauch.

Der Meistererzähler Erzählt werden Geschichten von Helden und Antihelden in furioser Malerei, die sich mit malereigeschichtlichen Bezügen aufgeladen ist. Der Farbauftrag erfolgt mit Spachtelmesser und Schablonen. Bisweilen ist er fett und leidenschaftlich. Immer wieder verunklären absichtlich tortenschlachtartige Farbexplosionen („pie fights“) den Blick auf das Bild. Asiaten fühlen sich vor Ghenies Leinwänden an Tuschemalerei erinnert, ist zu hören.

Breitaufgestellte Sammler Nicht nur Großsammler wie François Pinault, auch Museen weltweit kaufen das Werk von Adrian Ghenie. Francis Outred, Head of Contemporary Art bei Christie’s, zählte neun Bieter beim Kampf um das superteure, düstere Figurenbild  „Nickelodeon“, allein vier davon waren aus Asien. Der Ghenie-Markt wird in der Spitze nicht von Händlern gemacht, wie etwa bei Maurizio Cattelan, sondern von rund 20 Sammlern. Für Marktstrategen ein gutes Zeichen. Sie sehen die Nachfrage breit abgestützt.

Günstige Marktumstände Aktuell gibt es wieder eine Vorliebe für Malerei, was die jüngsten Zuschläge für Jenny Saville, Francis Bacon und Gerhard Richter zeigen. Ghenie reüssiert, weil  bislang von ihm weniger auf den Markt kam, als etwa von Oskar Murillo, der Spekulationskäufen mit einer Bilderflut entgegen kam. Was Murillo nicht gut getan hat.

Der Vergleich Preise sind auch eine Frage der Perspektive. Wenn ein Bild von einem verstorbenen Zeitgenossen wie Basquiat dieses Jahr 57,3 Millionen Dollar gebracht hat und ein De Kooning von 32 Millionen Bestmarkte auf 66,3 Millionen Dollar springt, dann sind die Ghenie-Werte – sagen diejenigen, die von hohen Preisen profitieren - noch verhältnismäßig „günstig“ für liquide Sammler.

Der Selfmademan Adrian Ghenie hat nicht lange gewartet, nach seinem Kunststudium in Cluj in Rumänien. Als er keine zufriedenstellende Galerievertretung fand, war er 2005 der Mitgründer von Galeria Plan B in Cluj. Danach ging alles Schlag auf Schlag.

Stetige Weiterentwicklung Er hatte Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz, in den USA und in Großbritannien. Das Nationalmuseum von Bukarest ehrte Ghenie schon 2009 mit einer Schau, der Hatje Cantz Verlag bracht einen großen Bildband heraus. Ausstellungen in Denver und Gent folgten, zweimal beteiligte sich Ghenie an der Biennale von Prag. Zu den Stammgalerien Plan B (inzwischen in Berlin und Cluj)  und Jörg Judin in Berlin traten die multinationalen Großgalerien Ropac und Pace.

Weltweite Beachtung Einem großen Publikum wurde der Meistermaler erst bekannt, als er 2015 im Rumänischen Pavillon auf der Biennale von Venedig ausstellte. Genie entwickelt sein Werk kontinuierlich weiter und wird immer bekannter. Das ist gut für die Vermarktung, sagen die Strategen.

Reife Werke Wichtig für hohe Preise ist die Textur der Bilder. Sie müssen vielschichtig und komplex sein. Das anders angelegte Frühwerk bleibt dagegen noch unter der 100.000er-Schwelle. Gerade hat ein unbetiteltes Gemälde von 2003/2004 bei Ketterer in der Dezember-Auktion seine Taxe verdreifachen können – auf immerhin 72.500 Euro.

Die Skeptiker halten die neuen astronomischen Preise für Ghenie bestenfalls für verrückt, vielleicht sogar für ein Anzeichen einer Spekulationsblase. Galerist Thaddäus Ropac sieht das nicht nur positiv, schließlich hinken die Galeriepreise immer hinter spekulativen Auktionspreisen her. In der Galerie sollten sie nicht exponentiell, sondern nur schrittweise angehoben werden. Obwohl er von der weltweiten Nachfrage nach Ghenie direkt profitiert, lässt er sich von der New York Times zitieren: „Der Markt hat überreagiert. Wir wünschten er wäre stark, aber nicht verrückt“.

Die Vorsicht Der Künstler selbst hatte schon 2015 nach Venedig das Gefühl, die Kunstwelt spekuliere mit seinem Werk. 2016 haben sich die Preise mehrfach verdoppelt. Ghenie wird sein neues Preisniveau nur halten können, wenn er sich nicht von gierigen Marktteilnehmern einreden lässt, er müsste mehr malen  als etwa ein Bild pro Monat. Das ist sein Tempo gewesen vor dem Siegeszug 2016.

Superreiche können natürlich jetzt noch einsteigen und kaufen. Alle anderen warten besser ab, bis sich das Preisniveau konsolidiert hat und flankierende Museumsausstellungen, Ghenies Rang begründen oder widerlegen. Oder sie verinnerlichen den Kriterienkatalog und halten Ausschau nach einem neuen emerging artist mit Potenzial.

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