Marktstudie
Fallstricke in der China-Bilanz

Eine neue Studie vermisst den chinesischen Markt. Weltweit wurde 2016 weniger chinesische Kunst gekauft. In Festlandchina allerdings stieg der Umsatz. Doch Zahlungsausfälle von 49 Prozent belasten die Auktionshäuser.
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DüsseldorfChinesen lieben Auktionen. Sie suchen geradezu den direkten Wettkampf mit den anderen Bietern. Das liegt ihnen mehr als der diskrete Galeriekauf. Doch die Liste der auf Rekordhöhen hoch gesteigerten Werke, die nicht bezahlt wurden, ist lang. Den jüngsten Eintrag lieferte ein branchenbekannter pink farbener Diamant. Der „Pink Star“ wurde von Sotheby’s im April in Hongkong zum zweiten Mal versteigert, weil der Erstkäufer nie die Zahlung veranlasste (s. Arts’n’Drafts vom 3.8.: „Kaufverweigerung“). Doch auch der neue siegreiche Bieter, die Juwelenhandelskette Chow Tai Fook, bezahlte den laut proklamierten Rekordpreis von über 71 Millionen Dollar nicht. Noch nicht, schreibt der Marktbeobachter Peter Dittmar in „Die  Zeit“. Sotheby’s habe das Zahlungsziel diskret auf April 2018 verlängert.

Unbezahlte Zuschläge heißen in der Fachsprache „Deadbeats“. Solchen Totgeburten begegnet man durchaus öfter, auch wenn über sie ein Mäntelchen des Schweigens gebreitet werden soll. Kürzlich veröffentlichte die Kunstmarkt-Datenbank Artnet zusammen mit dem Verband Chinesischer Auktionatoren (CAA) einen Global Marktreport nur zu China mit den Zahlen des Jahres 2016.

Sieht man die Liste durch mit Zuschlägen über 10 Millionen RMB, steht an erster Stelle nicht wie zu erwarten ein Künstler, sondern gleich eine ganze Sammlung verschiedener chinesischer Kalligraphen. Die 357 Millionen RMB oder 51,6 Millionen US-Dollar, die China Guardian Auctions für die bunt gemischte Gruppe einnehmen konnte, verzerren also die Liste, die ansonsten Serien bzw. Einzelwerke je eines Künstlers anführt.  Die zweite Position ist dem Vernehmen nach noch nicht vollständig bezahlt, figuriert aber schon stolz in der Liste. Dabei muss es sich nicht um einen Deadbeat handeln, könnte aber. Erst von der Nummer drei, der „Rückkehr von fünf betrunkenen Prinzen“ von Ren Renfa, ist ein Foto zu bekommen. Das figurenreich erzählte Rollbild einer Prinzen-Heimkehr erlöste umgerechnet 43,9 Millionen Dollar bei Poly.

Der chinesische Auktionatorenverband räumt ein, dass bei den hohen Zuschlägen ein bis zwei Fünftel zu (Kartei-)Leichen in den Bilanzen führen. „Zahlungsausfälle sind in Festlandchina weiterhin ein chronisches Problem,“ bemerkt der Report. Eine abermals gesunkene Zahlungsquote von nur mehr 51 Prozent  relativiert alle Marktdaten aus dem Reich der Mitte, weil sie Wunschdaten sind. Grundsätzlich lauern in Bilanzen Fallstricke. Deshalb sollte man sie nicht absolut setzen, sondern höchstens als Annäherung oder Tendenz verstehen.

Der Global Chinese Art Auction Market Report 2016 summiert die weltweit erzielten Verkaufserlöse chinesischer Kunst und Antiquitäten auf 6,7 Milliarden US-Dollar. Ein Minus von 5 Prozent zu 2015, ein Abwärtstrend im dritten Jahr in Folge. In Festlandchina allerdings stiegen die Verkäufe abermals um 7 Prozent auf 4,8 Milliarden Dollar. Zum Wachstum trägt bei, dass hier insbesondere die höherwertigen Lose ihren Marktanteil auf 29 Prozent verdoppeln konnten. Markttreiber sind hier nicht die Zeitgenossen, wie in den Boomjahren zu Beginn des Jahrtausends, sondern die Kalligrafen und die traditionellen Fertigkeiten in Malerei oder Bronzeguss.

Marktteilnehmer profitieren von Wachstumszahlen. Darum haben sie wenig Interesse, ihre im Grunde wegen unbezahlter Gebote zu früh publizierten prachtvollen Jahresumsatzzahlen ein halbes oder ein Jahr später nach unten zu korrigieren. Doch Achtung. Dr Fehler schreibt sich fort. Jede neue Jahresbilanz wird die Vorjahresbasis als Referenz nehmen. Doch die hatte mit Zahlen aus dem Märchenland operiert. In dem wackeligen Kartenhaus sollte man nicht auf die falschen Karten setzen.

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