Provinzial
Kunst verkaufen, um Kunst zu fördern

Die Provinzial Rheinland Versicherung trennt sich vom wertvollsten Gemälde ihrer Corporate Collection. Peter Doigs Winterlandschaft ist bei Christie’s kommender Abendauktion zeitgenössischer Kunst in London das Starlos.
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DüsseldorfDes einen Freud‘, des anderen Leid, weiß der Volksmund. Christie’s Aufgabe ist es, herausragende Kunstwerke weiterzuvermitteln. Heute meldet das global agierende Versteigerungshaus voller Stolz, ein Schlüsselwerk des Malers Peter Doig im März in London im Angebot zu haben. In den letzten drei Jahren hat Christie’s immer wieder zweistellige Millionen Dollar-Preise für herausragende frühe Arbeiten von Doig erzielen können.
Weniger freudig stellt sich die Situation für Christie’s Einlieferer dar. Die Provinzial Rheinland Versicherung kämpft mit dem niedrigen Zinsniveau und geändertem Kundenverhalten. Kosteneinsparungen stehen deshalb in vielen Bereichen des Unternehmens an.

Davon ist auch die Firmensammlung betroffen. Sie ist (halb-)öffentlich. Mitarbeiter und Gäste stoßen in Lobbys und Fluren des Verwaltungshauses in Düsseldorf-Wersten auf gut platzierte junge Kunst. Angekauft werden nicht die großen „etablierten Namen, sondern Künstlerinnen und Künstler mit Entwicklungspotenzial“, beschreibt Astrid Legge, die Kuratorin der Sammlung, ihr Konzept.
Für die Allgemeinheit ist schmerzlich, das Spitzenwerk ziehen zu lassen. Denn es ist der beste Ausweis für Mut und Weitsicht der Corporate Collection der Provinzial Rheinland. 1994 war Peter Doig zwar nominiert für den Turner-Prize, aber nur ganz wenigen Insidern ein Begriff. Der damalige Kunstberater der Versicherung, der Kunsthändler Wolfgang Wittrock, erwarb geschmackssicher die flirrende Schneelandschaft „Coburg 3+ 1 More“ aus eben diesem Jahr bei Victoria Miro. Die Londoner Galeristin ist bis heute erste Anlaufstelle für Doig-Liebhaber. Mit kleinem Geld erwarb Wittrock, was Christie’s Experten heute auf einen Verkaufspreis zwischen 8 und 12 Millionen Pfund taxieren.

Latente Verunsicherung

Peter Doig brach Mitte der 1990er-Jahre mit Bravour - nach den Wellen mit Großfotografie und Installationen - eine Lanze für die Sinnlichkeit der Malerei, für das Raffinement der Peinture, für komplexe Oberflächen und Texturen. „Coburg“ ist dafür das beste Beispiel: eine Winterszene am Fluss, vier Gestalten und eine Wald-Landschaft mitten im Schneetreiben. Einerseits ist es eine biographische Erinnerung an Doigs Jugend im kanadischen Coburg, ein Spaziergang mit Familienmitgliedern. Anderseits ist es ein Gemälde, das viele Errungenschaften der Malereigeschichte reflektiert.

Kunsthistoriker spannen den Bogen von Breughels Schneetropfenbildern über Pierre Bonnard und Claude Monet bis zu Gerhard Richter und Jackson Pollock. Selbst wenn sich Doig Anregungen aus der Geschichte holt, amalgamierte er diese kräftig in seinen Stil hinein. Was der Betrachter spürt, ist Doigs Haltung (keine Scheu vor Farbe, keine Scheu vor Gefühl) und ein latentes Gefühl von Taubheit oder Verunsicherung. Diese Art zu malen, um über Malerei nachzudenken, hat der Markt schrittweise anerkannt mit stetigen Preiserhöhungen.

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