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Auf den Spuren von Orhan Pamuk

Der Roman "Schnee" des friedenspreisgekrönten Autors spielt im Osten der Türkei - dort, wo Europa einmal enden könnte. Eine Fahrt nach Kars, einer Stadt, in der die eigene Geschichte verdrängt wird.

HB. Dies ist der Bericht einer Spurensuche in der Fremde, auf den Spuren von Orhan Pamuk und seinem Roman "Schnee". Es ist der Bericht einer Reise nach Kars, an die ferne Ostgrenze der Türkei, aber auch an die Grenzen der eigenen Gewissheiten, die einem das gute alte Europa bis heute zu bieten hat.

In diesem Roman sind die großen Themen Geschichte, Politik, Liebe, Vernunft, Religion und Wahnsinn verpackt. Und das in einer Szenerie, die so ganz anders ist, als all das, was man von Europa weiß. Im Osten Anatoliens liegt Kars, eine von der Außenwelt nahezu abgeschlossene, vergessene Stadt, in der sich, wie in einem brodelnden Zaubertopf, die Widersprüche der alten und neuen Türkei aufmischen, auf dass einem Hören und Sehen vergeht.

Kerim Alakusoglu, kurz Ka genannt, heißt der Romanheld, in Frankfurt vereinsamt, nach Istanbul zurückgekehrt, geht er als Journalist gen Osten, offiziell auf der Suche nach einer Story, tatsächlich auf der Suche nach einer Frau. Er landet in einer irren Geschichte, in der gemordet wird und geflucht, gefoltert, gedichtet, geliebt. Vor allem geliebt. Das Buch hat Züge von plumper Kolportage, strotzt gleichwohl vor atemberaubender Schönheit und ist doch ein politischer Roman, in dem es um die türkische Identität geht und die künftige Rolle des Landes in Europa.

Autor Pamuk, der gestern in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat und vielen als Mittler zwischen EU und der muslimischen Türkei gilt, sagte in der Paulskirche: "So wie ich mir keine Türkei vorstellen kann, die nicht von Europa träumt, so glaube ich auch nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiert." Kritisch merkte er an, dass sich einige Politiker bei der Bundestagswahl auf Kosten der Türkei und der Türken profiliert hätten. "Wenn so eine Türkenfeindlichkeit in Europa geschürt wird, führt dies leider dazu, dass sich in der Türkei ein europafeindlicher, dumpfer Nationalismus entwickelt."

"Der Ort am Ende der Welt" ist das letzte der Gedichte überschrieben, das der Held Ka, auf dessen Spuren sich der Erzähler im Roman "Schnee" begeben hat, in Kars geschrieben hat, in jenem traurigen Ort an der Grenze dessen, was in den Träumen vieler Türken schon die Grenze ihres Europas ist.

Wer sich selbst auf den Weg von Istanbul nach Kars macht, der hat eine Reise von mehr als 2 000 Kilometern vor sich, raus aus einer blühenden Stadt im Taumel zwischen Ost und West, Arm und Reich, einer Metropole, die sich jeden Tag neu erfinden muss über ihre Geschichte aus zigtausend Jahren. Aus ihr ist auch der Romanheld aufgebrochen, so fahren wir ihm im Zug hinterher.

Der Schaffner des Schlafwagens heißt Yusuf Kurt. Er verdient keine 300 Euro im Monat. Er spricht kein Deutsch und nur zwei Brocken Englisch, aber er lacht und scherzt gerne. Auf Pamuk ist Yusuf, wie so viele Türken, indes nicht gut zu sprechen. Das hat vor allem mit dem in der Türkei leidigen Thema Armenien zu tun. Intensiver darüber sprechen möchter Yusuf aber nicht.

Als es Abend wird in Anatolien, gibt der Schaffner einen Wink. Am Ende des Zuges, der sich keuchend mit 50 Stundenkilometern auf die Hochebene von Kars quält, öffnet er die letzte Wagentür. Er breitet auf dem Boden eine Decke aus, hinaus fällt der Blick auf einen Himmel, der sich endlos rot färbt. Die Viertausender geben das Geleit. Oben liegt schon Schnee, unten liegt das alte Gleis aus Kaiser Wilhelms Tagen, es gibt dieser Fahrt den Rhythmus vor, ta-tamm, ta-tamm, zigtausend Mal. Jeder Kilometer eine kleine Ewigkeit, weg von dem Europa, dessen Bilder man mitgenommen hat.

Dann, nach fast zwei Tagen, ist Kars erreicht, Yusuf hat mit dem Handy einen Wagen bestellt. Das Hotel heißt "Karabag", es gehört einem Türken, der im Saarland bescheidenen Wohlstand erwarb und dann in die Heimat zurückkehrte. Im Roman ist der Hotelier der Vater der Geliebten des Helden. In der Wirklichkeit tut sich die Tochter des Hoteliers noch immer schwer mit ihrem Schicksal. "In Deutschland ist es wirklich gepflegter, die Leute kümmern sich mehr", sagt sie in bestem Deutsch.

Pamuk hat als Jugendlicher zum ersten Mal Kars gesehen. Für die Arbeit an "Schnee" ist er noch einmal zurückgekehrt. Im Roman heißt das Hotel "Republik".

Kars liegt auf einer Hochebene in etwa 1 700 Metern, auf den Bergen ringsum wächst im Sommer grüner Flaum, von dem die Viehherden, der einzige, karge Reichtum der Region, leben. Außerhalb der Stadt gedeiht kein Strauch, im Februar wird es manchmal bis zu 40 Grad kalt.

"In Kars können Sie jene Traurigkeit mit Händen greifen, die daher rührt, zugleich ein Teil Europas zu sein und doch ein uneuropäisch karges, umkämpftes Leben zu führen", hat Pamuk einmal gesagt. Tatsächlich reden die Leute hier von Europa, als wäre es das Wunderland, eine Welt der Reichen und Schönen, deren Wohlstand bald auch den Menschen am Ende der türkischen Welt Zukunft schenken soll.

Der erste Weg am Morgen führt in die ärmsten Viertel der Stadt, auch Pamuk spricht davon. Hier hausen die Menschen in grasbedeckten Hütten aus Blech, getrockneter Mist ist ihr einziger Brennstoff. Die Kinder, die im Sommer nackten Fußes durch die Gassen laufen und mitten in der Stadt Ziegen weiden, erinnern an Bilder aus ganz anderer Zeit.

Die Hütten hängen unterhalb einer Burg, die schon einem Armenischen Reich als Festung diente, dann von Byzantinern, Seldschuken und Russen beherrscht wurde und wieder in die Hand der Türken gelangte. Nimmt man die Reste der Badehäuser als Maßstab, ist es in Kars früher üppiger zugegangen. Am Fuße der Burg liegt die armenische Kirche, ein Schmuckstück einst, dann als Abfallplatz misshandelt, nun umgewandelt zur Moschee. Die Menschen tun sich nicht leicht mit ihrem historischen Erbe.

Der Bürgermeister heißt Nacif Alibeyoglu. Seine Mutter ist Kurdin, sein Vater Türke. Alibeyoglu residiert in einem fast schwarzen Rathaus aus russischer Zeit. Im großen, mit Holzimitat verkleideten Büro empfängt er Delegationen, mal sind es Archäologen aus Ankara, mal Bauern aus den umliegenden Dörfern. Gerne und reichlich schüttet der Bürgermeister kölnisch Wasser aus, mit dem man sich zur Begrüßung und beim Abschied nach traditioneller Art die Hände wäscht.

Alibeyoglu ist ein Hansdampf, er managt Kars, entwickelt die Universität und würde so gerne einen Kanal bauen, um die Kloaken zu beseitigen. "Uns fehlt das Geld", sagt er. Und: "Wir sind stolz, Ort von Pamuks Roman zu sein. Aber uns gefällt natürlich nicht alles, was da drin steht", sagt er.

In "Schnee" gibt es keinen Bürgermeister, der wurde ermordet. Deshalb soll gewählt werden, als Favorit gilt der Kandidat der Partei Allahs, ehe die Militärs einen kleinen Putsch inszenieren. Ähnliches ist ja schon vorgekommen in der Wirklichkeit, das letzte Mal haben die Militärs 1980 im Land die Macht ergriffen.

Im Kars des Romans tummeln sich Soldaten und Geheimagenten, Islamisten und Putschisten. Zumindest die Soldaten sieht auch der Tourist. "Die gehören dazu", heißt es. Die Garnison liegt mitten in der Stadt. Die, die ein Problem damit haben, sieht man natürlich nicht. Aber es gibt sie. Von Erzurum an begleiten schwer bewaffnete Milizionäre alle Züge nach Kars. Straßensperren sind noch immer an der Tagesordnung, die kurdische PKK hat erst jüngst nicht weit von hier einen Soldaten entführt, Bomben gezündet.

Eine der schrillsten Figuren in Pamuks "Schnee" heißt Sedar Bey. Er ist der Chef der "Grenzlandzeitung", die 320 Exemplare verkauft. In der Wirklichkeit heißt der Mann Önder Desdelen und verkauft "Önder", die führende Lokalzeitung einer Stadt mit 70 000 Einwohnern. Im Roman empfindet Sedar Bey Geschichten vor. Sie werden dann sogar Wirklichkeit. Im richtigen Leben soll es so etwas auch schon gegeben haben, nicht nur in "Önder".

Önder Desdelen, ein freundlicher, aber prinzipienfester Mann, ist wie fast alle hier gar nicht gut auf Pamuk zu sprechen. Dass Pamuk im Roman Geschäftsgeheimnisse ausplauderte, mag der Journalist noch durchgehen lassen. Dass der Dichter aber gegenüber einer ausländischen Zeitung erstmals davon sprach, dass in der Türkei Hunderttausende Armenier ermordet worden seien, das will er ihm nicht verzeihen. Weil das viele hier so sehen, auch deshalb hat Pamuk inzwischen den Staatsanwalt am Hals - wegen "Schmähung des Türkentums".

Zwanzig Kilometer südlich von Kars, nahe dem Dorf Subatan, hat die türkische Republik einen Obelisken aus Marmor aufgestellt. Er erinnert an ein Massaker, bei dem am Ende des Ersten Weltkrieges 570 Türken von Armeniern ermordet worden sein sollen. Von toten Armeniern erfährt man hier nirgendwo irgendetwas. Hier gibt es noch immer viel zu viel verdrängte Geschichte, die es einem schwer macht, schon jetzt an die Zukunft zu glauben.

Die baumelt in Kars vor einem Hotel an drei Fahnenmasten. Es sind die Flaggen Deutschlands, der Türkei und der EU.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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