Ausstellung
Kinder der Melancholie

Es sollte die längst fällige Neubewertung der DDR-Kunst werden. Doch in Berlin kam nur eine von Beliebigkeit geprägte Schau zu Stande.

"Kunst in der DDR“ ist der relativierende Titel der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie: der achte Anlauf nach der Wende, die im anderen deutschen Staat entstandene Kunst neu zu bewerten. Alle diese Versuche von der Ausstellung „Menschenbilder“ der Berliner Grundkreditbank 1991 bis zu der fatalen Gleichsetzung von Nazimalerei und DDR-Kunst 1999 in Weimar waren einseitig, lückenhaft oder provokativ. Versuche einer neuen kunsthistorischen Einordnung, die den Mut hat, zeitlos gültige Qualitätskriterien aufzustellen, hat es bis heute nicht gegeben.

Auch den beiden Kuratoren Roland März und Eugen Blume gelingt das jetzt nicht. Sie wollen mit den rund 400 ausgewählten Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen, Fotografien zeigen, „wie in der DDR wirklich gelebt und gelitten wurde“. Nur wer den Katalog liest, kann das einigermaßen nachvollziehen, in der Ausstellung selbst kommt wenig davon rüber. Und dass bei einer solchen Sicht das Niveau schwankt, versteht sich von selbst.

Im Überfluss dazu sind die Texttafeln zu den 20 Sektionen der Ausstellung Paradebeispiele kunsthistorischer Nivellierung. Alles wird durch die Bank weg gelobt und verklärt betrachtet. Hier herrscht eine Sichtweise, die frei ist von objektivierender Distanz, aber nicht frei von Ostalgie, von der sich der Katalog dann wieder pflichtgemäß zu distanzieren sucht. Man hat streckenweise den Eindruck, dass hier das Publikum im Osten mit Wiedererkennungswerten angesprochen wird: Der „Good-bye Lenin“-Effekt schwappt ins Museum.

Beim Abschreiten des Parcours könnte man fast vergessen, dass offizielles Kernstück dieser Kunst bis in die achtziger Jahre das „Ringen um die Gestaltung von Arbeitern“ ist. Werke dieser Art wurden weitgehend ausgeklammert, wenn man von Werner Tübkes Brigadebild von 1971 absieht. Dafür gibt es hier viele Einblicke in private, abstrakte und poetische Positionen. Es gibt symbolbefrachtete, traditionsverbundene und expressive Werke, die sich mehr dem Innenleben widmen als sich mit der Situation des Einzelmenschen in einer durchkontrollierten Gesellschaft befassen. Das ist legitim, aber es ist eben nur ein Teil dieser Kunst, die noch 1987 in der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden „sozialistisch- realistische Bildkunst zwischen den Polen Lebensbejahung und Beunruhigung“ sein sollte.

Ein Schlüsselwerk der Berliner Schau ist Wolfgang Mattheuers Bildnis „Die Ausgezeichnete“ (1973/74): Hinter fünf Tulpenstängeln auf weiß gedecktem kahlem Tisch sitzt eine Arbeiterfrau eher verhärmt und in sich versunken. Die Isolation wird durch Abwesenheit des Kollektivs gesteigert. Dieses Kollektiv bewegt sich auf einem 1977 entstandenen Bild von Uwe Pfeifer im Gleichschritt an Mülleimern vorbei dem Feierabend zu. Nicht alle Bilder dieser Ausstellung wirken im Nachhinein so kritisch, selbst wenn sie nicht ganz so kritisch gemeint sein mögen.

Den Kontrast dazu setzt Willi Sittes positivistischer Arbeiter, der auf dem Gerüst lesend seine Arbeitspause verbringt. Hier steht Leger Pate, während die Väter anderer Maler Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz und Lovis Corinth sind. Picasso beeinflusst auch den frühen Sitte, fast schon obsessiv prägt er das Frühwerk von A.R. Penck, als der noch Ralf Winkler hieß und Porträts wie „Zwei Frauen am Tisch“ (um 1959) schuf.

Die Leipziger Schule, die 1997 in einer Ausstellung in Nürnberg und Leipzig stark herausgestellt wurde, spielt hier eher eine Nebenrolle. Dafür werden die Dresdener und Berliner Künstler stark hervorgehoben, wobei hier wieder einmal der Allgemeinplatz von der „Peinture Elbflorenz“ bemüht wird. Die „schwarze Melancholie“ der Berliner Maler wird herausgestellt, doch als einziger überragender Künstler hebt sich Harald Metzkes mit einem bedrohlichen Fischstillleben von 1957 („Der Hai“) über das malerische und plastische Mittelmaß.

Der Beitrag der DDR-Künstler zur Pop-Art bleibt dekorativ und derivativ. Um so stärker fallen im Gesamtprogramm die Leistungen von Außenseitern wie Gerhard Altenbourg (zeitlos sein kriegszerfetzter „Ecce Homo“, 1949) und Hermann Glöckner ins Gewicht, der unbeirrt vom offiziellen Realismusdiktat seine abstrakten Faltungen weiterentwickelte.

Die Berücksichtigung dieser Individualisten ist schon fast selbstverständlich. Keineswegs selbstverständlich war bis jetzt eine breite Präsenz der DDR-Fotografie in den früheren Retrospektiven. Zumindest hier macht sich die Berliner Ausstellung verdient. Die Menschenbilder, die Ursula Arnold, Arno Fischer, Evelyn Richter, Christian Borchert und Gundula Schulze el Dowy in Schwarzweißaufnahmen festhielten, haben eine Aura latenter Tristesse, wie sie die Malerei nur auf Umwegen vermittelt.

So schaukelt sich die Berliner Ehrenrettung von Schwächen zu Stärken, von Stereotypen zum Besonderen, ohne kunstpolitische Gräben aufzureißen und ohne Qualitätsprioritäten zu setzen. Vielleicht können nur völlig unabhängige Kunsthistoriker aus einem anderen Land diese Aufarbeitung mit unverstelltem Blick leisten. Wenn nicht, wäre eine Ruhezeit von zwei Jahrzehnten angebracht, die den Ostblick von Nostalgie, den Westblick von Überlegenheitsdünkeln reinigt.

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