Biennale-Kommentar
Nachdenken über eine Personalentscheidung

Massimiliano Gioni soll neuer Biennale-Leiter werden. Bekannt wurde er durch die gemeinsam mit dem Skandal-Künstler Maurizio Cattelan organisierte Berlin Biennale von 2006. Der letzte Italiener, der in Venedig sein Glück versuchte, war Francesco Bonami.
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RomKaum ist das Licht der eher schwachen Erleuchtungs-Biennale „Illumi-Nations“ von Bice Curiger erloschen, da geht schon wieder ein Scheinwerfer an. Im Lichtkegel steht Massimiliano Gioni. Der 38-jährige Kurator und Kunstkritiker ist zum Leiter der Biennale 2013 ernannt worden.

Der letzte Italiener, der sein Glück in der Lagune versuchte, war Francesco Bonami, im Jahr 2003. Mit seinem Konzept der Ausstellung in der Ausstellung erntete er schwachen Beifall. Unter dem Thema „Träume und Konflikte - Die Diktatur des Betrachters“ zerfiel die Biennale in zusammenhangslose Einzelprojekte. Schon damals war Massimiliano Gioni mit von der Partei, er betreute die italienische Insel in Bonamis Archipel. Seine „Zone“ ging jedoch nicht in die Geschichte ein.

Weitaus mehr Anklang fand die Vierte Berlin Biennale „Mäuse und Menschen“, die Gioni gemeinsam mit dem Enfant terrible der internationalen Kunstszene, Maurizio Cattelan, und der freischaffenden Autorin und Herausgeberin Ali Subotnick 2006 inszenierte. Auf John Steinbecks Roman griff das Trio zurück, um „einige erzählerische Passagen aufzudecken und Gedankenanstöße zu geben, die um die Fragen von Geburt und Verlust, Tod und Kapitulation, Leid und Nostalgie kreisen.“

Schwachstelle einer Strategie

Ein solches Konzept kann man als viel- oder als nichtssagend bezeichnen. Eindeutig ist hingegen, dass das Dreiergespann damit jede Form der Zwangsjacke, des zu eng gefassten kuratorischen Rahmens ablehnte. Im besten Fall bedeutet ein solcher Ansatz, die Künstler sprechen zu lassen und ihre Arbeiten in den Vordergrund stellen zu wollen.

Doch birgt die Absage an die kuratorische Selbstherrlichkeit und Diktatur des Kunstkritikers auch Gefahren: Einerseits droht die Gefahr, die Verantwortung auf andere abzuwälzen, ein Vorwurf, den sich Bonami 2003 gefallen lassen musste. Andererseits besteht die Möglichkeit, dass der eine oder andere Künstler dem Kurator auch das Zepter aus der Hand nehmen könnte; und Maurizio Cattelan, dem Gioni seinen Bekanntheitsgrad und letztendlich auch seine Ernennung zum Biennale Leiter zu verdanken hat, hätte durchaus das Zeug dazu. Eine Frage drängt sich jedenfalls auf: Könnte es nicht sein, dass Cattelan mit seinem jüngsten Outing, er werde sich vom Kunstbetrieb zurückziehen, die Weichen stellte, um in Venedig hinter den Kulissen Regie zu führen?

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