Bio-Weinbau
Schädlinge verduften

Die Zeiten, da Bio-Winzer als schrullige Außenseiter galten, die Rebstöcke streicheln, aber im Keller schlampen, sind vorbei. Ökologische Spitzenbetriebe erhalten in Weinführern von Gault Millau bis Eichelmann vier und fünf Sterne oder Trauben.

Heinrich Koch trinkt gerne ein Glas Riesling. Und lässt sich nicht von den jüngsten Horrormeldungen über Pestizide im Rebenblut den Appetit verderben. Der Leiter der Abteilung Lebensmittelchemie beim Landesuntersuchungsamt in Koblenz ist quasi oberster Weinkontrolleur in Rheinland-Pfalz. Über Schlagzeilen wie „Zu viel Pflanzengift im Wein – Liebhaber von bestimmten Weinsorten leben gefährlich“ („Süddeutsche Zeitung“) kann er „nur den Kopf schütteln“.

Ausgelöst hatte den Wirbel das PAN, Pesticide Action Network. Die Organisation dringt auf ein völliges Verbot von synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Da kam die Untersuchung zu 40 Weinen, bei denen ein „Cocktail von bis zu 24 verschiedenen Pestiziden“ gefunden wurde, gerade recht. Doch lagen, so Koch, die Spuren 100- bis 200-fach unter den zulässigen Höchstmengen.

Winzer spritzen heute dreimal weniger als vor 30 Jahren. Sie nutzen Duftstoffe, die tierische Schädlinge verwirren, damit sie sich nicht zur Paarung finden. Ein Netz von Messstationen sorgt dafür, dass Mittel gegen Mehltau nur verteilt werden, wenn Gefahr droht. Es liegt also vor allem an den Fortschritten der Analysetechnik, dass Spuren von Pflanzenschutz im Wein gefunden werden.

Bei der PAN-Untersuchung wurden sogar in einem Biowein Mikro-Reste von chemischen Mitteln entdeckt. Hatte der Erzeuger gemogelt? Das wohl kaum. Biobetriebe werden mehrfach im Jahr überprüft – und zwar ohne Anmeldung. Noch wirksamer ist die soziale Kontrolle durch missgünstige Kollegen, die die Öko-Sonderlinge zu gerne bei unerlaubtem Tun ertappen möchten.

Bleiben als Risiken Abdrift durch Wind oder Unachtsamkeit des Nachbarn. Karl-Heinz Wehrheim in Birkweiler, der seinen Hof gerade auf biodynamische Wirtschaftsweise umstellt, glaubt nicht daran. Der Pfälzer Spitzenerzeuger beschreibt Spritzgeräte, die so genau eingestellt werden, dass der Weinberg nebenan nichts abkommt. Wehrheim hat umzudenken gelernt: „Wir müssen die Reben so stärken, dass sie gar nicht erst dem Pilzbefall ausgesetzt sind.“ Der 51-Jährige bringt in seinen Weingärten Brühe aus von Schachtelhalm, Kamille oder Brennnessel und arbeitet reichlich Humus unter. Allerdings: „Bis die Böden völlig frei von Chemie sind, das werden wohl erst meine Kinder erleben.“

Der Bio-Weinbau ging in Deutschland vor 30 Jahren von Baden aus. Nun macht sich Rheinhessen stark. Im Hügelland hinter Mainz herrscht ein trockenes Klima, Mehltau breitet sich nicht so schnell aus. Schwieriger ist es, in den engen Tälern an Mosel und Mittelrhein ökologisch zu arbeiten. Dort wird vom Hubschrauber aus gespritzt. Randolf Kauer, der an der Hochschule in Geisenheim Öko-Weinbau lehrt, wich daher in seinem Weingut in Bacharach auf abseitige Lagen aus.

Die Zeiten, da Bio-Winzer als schrullige Außenseiter galten, die Rebstöcke streicheln, aber im Keller schlampen, sind vorbei. Ökologische Spitzenbetriebe erhalten in Weinführern von Gault Millau bis Eichelmann vier und fünf Sterne oder Trauben: Dr. Bürklin-Wolf, Steffen Christmann und Hansjörg Rebholz in der Pfalz wie Reinhold Schneider und Thomas Seeger in Baden, Philipp Wittmann in Rheinhessen, Clemens Busch an der Mosel und Hans-Jakob Kühn im Rheingau.

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