Buchtipp: Lügen mit Zahlen
Glaube deiner Statistik

Statistiken werden bekanntlich gerne manipuliert und für die eigenen Zwecke genutzt. Zwei Sachbücher erklären, wie die gewünschte Botschaft aus den Daten herausgekitzelt wird. Mal von Konservativen, mal von den Linken.
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FrankfurtWas wahr ist, ist umstrittener denn je. Selbst offizielle Behördenstatistiken werden in Leserbriefspalten und sozialen Netzwerken häufig wie bloße Meinungen behandelt. Gerne mit Verweis auf den vermeintlichen Churchill-Satz „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, der wohl selbst eine Fälschung ist.

Das Misstrauen vieler Bürger wurde auch durch eine Masse von falschen, fehlinterpretierten oder interessengeleiteten Statistiken genährt. Diese zu entlarven, hat sich der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer zur Lebensaufgabe gemacht. Seit 1991 versorgt Krämer mathematische Laien in immer neuen Auflagen seines Bestsellers „So lügt man mit Statistik“ mit Argumenten gegen seine eigene Profession.

So lügt man mit Statistik
Campus Verlag
Taschenbuch
205 Seiten
ISBN: 978-3-593-50459-9
19,99 Euro

Progressive wie Konservative sähen ihre Mittel durch einen vermeintlich guten Zweck geheiligt, schreibt der Bestsellerautor im Vorwort zur neuesten Auflage. Aber man merkt doch, dass es die Umweltbewegten und die linken Umverteiler sind, die er besonders auf dem Kieker hat. Für einen Kontrapunkt sorgen nun Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff, die mit „Die Zahlentrickser“ ein ähnliches Buch aus linker Perspektive vorlegen. Wer liefert die überzeugendere Kritik?

Zahlentrickser
Heyne Verlag
22. Mai 2017
273 Seiten
ISBN: 3453201329
19,99 Euro

In Sachen Armut versteift sich Krämer auf die extreme Einschätzung, das Einzige, was man Armut nennen dürfe, sei absolute Armut im Sinne von nicht genug Geld für Essen und ein anständiges Dach über dem Kopf. Relative Armut im Sinne von zu wenig Geld, um einigermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, akzeptiert er nicht. Entsprechend verdammt er die amtlichen Statistiken, die das relative Maß 60 Prozent des mittleren Einkommens als Schwellenwert für Armutsgefährdung nehmen, als unseriöse Stimmungsmache.

Da setzen sich Bosbach und Korff doch sehr viel differenzierter mit den Vorteilen, Nachteilen und Grenzen verschiedener Armutsmaße auseinander. Dagegen tun die beiden beim Thema Erderwärmung und Ökologie so, als gäbe es die mannigfachen Datenmanipulationen derer nicht, die mit alarmistischen Zahlen im Dienste der guten Sache die Öffentlichkeit aufrütteln wollen.

Über die gemeinsame Schnittmenge hinaus verwirklicht Krämer allerdings deutlich besser den erklärten Anspruch. Bosbach und Korff begnügen sie sich damit, für Themenbereiche wie Flüchtlinge oder Bevölkerungsalterung Fallbeispiele von Manipulationen ihrer ideologischen Gegner zu entlarven. Das ist zwar geeignet, das Misstrauen gegen Statistiken zu schüren, aber zu unsystematisch, um den Leser zu befähigen, selbst die Spreu vom Weizen zu trennen.

Das leistet Krämer besser, auch weil er sein Buch weniger nach Themen sortiert hat als nach Tricks. Wer einmal nachvollzogen hat, wie mit zu engen, zu weiten oder gänzlich ungeeigneten Vergleichsgruppen die gewünschte Botschaft aus den Daten herausgekitzelt wird der ist gut gerüstet, bei der nächsten Grafik die richtigen Fragen zu stellen. Unabhängig von seinen politischen Vorlieben.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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