CIA-Pannen
Dokumentation des Dilettantismus

Wenn ein Autor von jenen, die er als Kern seines Themas auserkoren hat, harte Kritik erntet, dann kann dies mitunter durchaus als Lob gedeutet werden. Tim Weiner darf dies allemal. Denn dass sein Buch, "CIA, die ganze Geschichte", provozieren musste, ist allzu verständlich. In akribischer Weise hat der Autor die Pannen des Geheimdienstes seit 1947 aufgearbeitet.

DÜSSELDORF. Wenn ein Autor von jenen, die er als Kern seines Themas auserkoren hat, harte Kritik erntet, dann kann dies mitunter durchaus als Lob gedeutet werden. Tim Weiner darf dies allemal. Denn dass sein Buch "CIA, die ganze Geschichte" provozieren musste, ist allzu verständlich. Er begeistere sich an Negativem, versuche, die Erfolge der CIA auf ein Minimum zu reduzieren, so der pauschale Vorwurf des US-Geheimdienstes .

Die Frage ist aber: Wem will man mehr glauben, einem Reporter der "New York Times", der für seine Recherchen über die Aktivitäten von CIA und Pentagon insbesondere in Afghanistan, Pakistan und im Sudan sowie in Lateinamerika gleich zweimal zum Pulitzer-Preisträger gekürt wurde, oder einer Organisation, die nicht erst seit Abu Ghraib und Guantánamo Bay das ihr, wenn überhaupt, gewährte wenige Vertrauen wohl völlig verscherzt hat?

Die CIA sollte sich zumindest damit trösten, dass für die deutsche Ausgabe des Buches, das am kommenden Montag in der American Academy in Berlin präsentiert wird, nicht der drastischere Untertitel der im vergangenen Jahr in den USA veröffentlichten Originalausgabe gewählt wurde: "Legacy of Ashes", frei übersetzt "Das Erbe der Niederlage".

Weiner beleuchtet akribisch und nachvollziehbar die gut sechzigjährige Entwicklung des US-Auslandsgeheimdienstes. Und er meint gleich zu Anfang: Schon bei ihrer Gründung 1947 unterliefen der CIA und damit den ihr hörigen Politikern fundamentale Fehler. Die voreilige Kooperation mit der "Organisation Gehlen", dem Ex-Nazi-Nachrichtendienst, nach dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" erwies sich als Flop. Erhoffte Erkenntnisse über aggressive Ambitionen der sowjetischen Politik blieben Mangelware.

Der rund 45 Jahre währende Kalte Krieg mitsamt dem nuklearen Dilemma liefert den ebenso makaberen wie schlüssigen Beweis für Weiners These. Die Tatsache, dass mit Vernon Walters in den machtpolitisch kritischen 80er-Jahren ausgerechnet ein ehemaliger Vize-Chef der CIA als Botschafter nach Bonn beordert wurde, zeugt zudem davon, wie schwer es den Matadoren in Washington fällt, richtige Lehren zu ziehen.

Das Buch ist eine - hier, weil platzsprengend, nicht vollständig wiederzugebende - Auflistung unzähliger taktischer und strategischer Pannen sowie politischer Fehleinschätzungen, die bislang auf das Konto der CIA gehen: in Korea, in Vietnam, in Guatemala, in Nicaragua, in Panama, auch auf dem Balkan, eklatant in Kuba - Stichwort Schweinebucht. Und sicher auch in Afghanistan durch die sich heute brutal rächende US-Unterstützung der Taliban nach der Invasion durch die einstige Rote Armee. In den Sog geriet auch Pakistan, das nicht erst seit gestern fast täglich mit negativen Schlagzeilen aufwartet. Weiner liefert also mehr als nur eine Retrospektive - eine Dokumentation des Dilettantismus.

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