Contemporary Istanbul
Absatzmarkt für einheimische Kunstkäufer

Mit der florierenden Wirtschaft wächst auch die Contemporary Istanbul. Doch es ist eine schwierige Balance zwischen Kunst und Kommerz. Die Messe zieht vor allem türkisches Großstadt-Publikum an. Die potenten Sammler aus den reichen östlichen und südlichen Nachbarregionen bleiben noch aus.
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IstanbulAuf den ersten Blick ist es eine Erfolgsgeschichte des Kunstmarkts, die den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei widerspiegelt. Die siebte, jüngst zu ende gegangene Contemporary Istanbul und ihre Organisatoren konnten neue Rekorde vermelden. Die Teilnehmerzahl stieg auf 102 Galerien, was einer Verdoppelung gegenüber dem Debüt entspricht. Noch steiler ging es bei dem Anteil ausländischer Aussteller nach oben, der sich seit 2006 von neun auf 57 steigerte. Entsteht hier also ein „neues Drehkreuz für den Kunstmarkt im mittleren Osten“, wie es Ali Gureli, der Chairman der Messe, am Eröffnungstag euphorisch verkündete?

Zahlen sind das eine, Substanz das andere. Wer sich die fünf Tage umsah und umhörte, merkte schnell, dass die Messe noch einen langen Weg vor sich hat. Sie ist immer noch in erster Linie eine regionale Veranstaltung, die immerhin in der Stadt viel Zuspruch erfährt. Man sah beim Eröffnungscocktail jede Menge hippes Istanbuler Publikum, das neugierig durch die Gänge des Lütfi Kirdar Kongresszentrums strömte, aber so gut wie keine Gäste aus der arabischen Welt oder den vom Rohstoffboom angefeuerten Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Mit der New Yorker Marlborough Gallery und Haunch of Venison aus London präsentierte die Messe stolz zwei internationale Zugpferde, die aber ähnlich verloren wirkten wie schnell eingeflogene Hollywood-Promis auf einer Filmpremiere in der Provinz. Das Gros der Teilnehmer stellten nach wie vor einheimische Galerien, deren vorgestellte Kunst, um es vorsichtig auszudrücken, eine erhebliche qualitative Bandbreite auswies.

Scheck für ein Blanko-Werk

Vom vielfach beschworenen Boom der türkischen Kunst war wenig zu spüren, einen neuen Taner Ceylan oder Canan Tolon suchte man vergeblich. Statt dessen ein Überangebot an abstrakter Malerei, die ganz offensichtlich nur dekorativen Zwecken dienen soll, digital verschönerten barbusigen Frauen, deren schwülstige Erotik an Playboy-Fotos aus den Achtzigern erinnerte oder an platten politisch-religiösen Anspielungen, die wenig mehr als ein müdes Achselzucken hervorrufen. Doch zwischendurch gab es auch immer wieder kleine Oasen der Freude und Originalität. Zum Beispiel am Stand der Istanbuler Pilot-Galerie, wo der türkisch-kurdische Künstler Halil Altindere, Documenta-Teilnehmer 2012, seinen vielfach nur kommerziell inspirierten Kollegen auf der Messe sarkastische Nachhilfe in puncto Geldverdienen gab. „Art is all about desire and signature“, so der Titel eines seiner Bilder, zeigte einen riesenhaft vergrößerten Scheck, den ihm ein Sammler für ein Blanko-Werk ausgestellt hatte. Die daneben gehängte Arbeit zeigt zehn goldene Regeln auf, um in der Gegenwartskunst erfolgreich zu sein. Altindere empfiehlt bei Gemälden etwa horizontale statt vertikale Linien und bei Videos eher länger als kürzer zu filmen.

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