Daimler Contemporary
Angriff auf die hohe Kunst

In den sechziger Jahren forderte die Kunst den Betrachter heraus. Sie animierte ihn zu Aktionen und zielte auf eine politische Wirkung ab. Stilistisch orientierte sie sich an den sparsamen Formen der Minimal Art und Konzeptkunst. Im Ausstellungsraum der Daimler Kunstsammlung sind 40 Werke bedeutender Künstler jener Periode zu besichtigen.
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BerlinDie Rolle aus gefütterter Zeltplane ist elf Meter lang und steht in der Ecke des Berliner Ausstellungsraums Daimler Contemporary . Ein Foto hängt an der Wand. Es zeigt zwei Menschen, die die Bahn ausgerollt haben und an den beiden Enden mit ihren Händen halten. Was soll der Besucher also tun? Darf er sie nehmen und einfach ausrollen? Immerhin ist das gute Stück fast 50 Jahre alt, stammt von 1964 und wurde von dem Künstler Franz Erhard Walther entworfen. Es ist also durchaus museal, weshalb Anfassen eigentlich nicht in Frage kommt.

Wie auch immer sich der Museumsbesucher verhält – er ist dem Kunstwerk aufgesessen. Die weiße Rolle, die aufrecht in der Ecke der Galerie steht, verbindet ihre formale Eigenschaft als minimalistisches, geometrisches, reduziertes Objekt mit einem Impuls an den Betrachter, etwas damit zu tun, seine passive Betrachter-Position aufzugeben, aktiv zu werden. Kunst erzeugt Aktion. Typisch Sechzigerjahre.

Kunst mit Lüftungsanlagen

Um solche Kunstwerke aus Deutschland überwiegend aus den 1960er-Jahren geht es in der aktuellen Schau „Minimalism in Germany: The Sixties II“, in der rund 40 Werke von zwölf Künstlerinnen und Künstler zu sehen sind. Es sind Arbeiten, die eine sparsame (minimalistische) Form mit einem sozialen, mitunter politischen Impuls verbinden. Die sehr aufschlussreiche Ausstellung öffnet einen neuen Blick auf die minimalistische Kunstströmung, die sich in Amerika als Gegenbewegung zur gestischen Abstraktion entwickelte. Allzu oft werden ihr ausschließlich auf die Kunst selbst gerichtete Absichten und Interessen zugeschrieben, ganz so, als würde es den Künstlern dabei nur um formale Fragen gehen.

Eine Künstlerin wie Charlotte Posenenske (1930-1985) hätte dem massiv widersprochen. Von ihr sind zwei raumgreifende Installationen zu sehen, die den nüchternen Titel „Vierkantrohr“ tragen, hergestellt mal aus Wellpappe, mal aus Stahlelementen. Die verschraubten Teile erinnern an industrielle Lüftungsanlagen, sind fabrikmäßig reproduzierbar, unsigniert, und tun auch sonst alles, um nicht wie Kunst zu wirken. Die Installationsidee stammt von 1967 und war ein massiver Angriff auf die „hohe“ Kunst, der nicht anders als politisch zu verstehen war. Da verwundert es nicht, dass Charlotte Posenenske im Revoltenjahr 1968 einen Schritt weiter ging und ihre Kunstproduktion ganz einstellte.

Wiederholung als Stilmittel

Um Reproduzierbarkeit geht es auch im Werk des früh verstorbenen Frankfurter Künstlers Peter Roehr (1944-1968). So schnitt er beispielsweise vorgefundenes Filmmaterial aus Kinofilmen, Werbung und Wochenschauen zusammen, indem er kleinste Sequenzen in einer bestimmten Anzahl wiederholte. Zwölf Mal hintereinander ist eine kurze Durchfahrt durch einen von Neonröhren beleuchteten Tunnel zu sehen, danach elf Mal schaumiges Wasser, das durch einen Abfluss abläuft, danach sechs Mal ein Auto, das einen Abgrund hinunterstürzt und explodiert. Durch die Wiederholung scheinen sich die Bilder zu verändern, einen eigenen Rhythmus zu bekommen, mitunter fast einen Sog zu erzeugen. Unter anderem um diese Effekte ging es Peter Roehr.

Zu sehen sind außerdem Arbeiten von Hanne Darboven, Günther Uecker, Hartmut Böhm, Ulrich Rückriem und dem großen Außenseiter der DDR-Kunst, Hermann Glöckner. Arbeiten aus dem Bestand der Daimler Kunstsammlung wurden um Leihgaben ergänzt. Wie bei allen Ausstellungen der Daimler Kunstsammlung – in ihrem Showroom am Potsdamer Platz ebenso wie in der Stuttgarter Firmenzentrale oder im Rahmen einer „Welttournee“ an anderen Unternehmensstandorten weltweit – steht die Vermittlung der Inhalte und Intentionen der Kunst im Mittelpunkt.

Anschauliche und sehr informative Texte begleiten alle Exponate, historische Fotos von zeitgenössischen Galerieausstellungen und Aktionen geben der Schau eine kunsthistorische Tiefenschärfe. Zudem sind zwei Dokumentarfilme integriert, die die damalige Praxis der Künstler zeigen. Ein Beitrag des Hessischen Rundfunks aus dem Jahr 1967 für ein Kulturmagazin dokumentiert einen Happeningabend in der legendären Galerie Dorothea Loehr in Frankfurt-Niederursel. Und ein weiterer Film zeigt den weit über 90 Jahre alten Hermann Glöckner bei der konzentrierten Arbeit an seinen Zeichnungen.

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Fast .2000 Werke in der Sammlung

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