Daniel Spoerri
Spätwerk eines Objektkünstlers

Daniel Spoerri erschafft seit den 1960er-Jahren aus gefundenen Dingen verrückte Assemblagen. Bekannt wurde er mit abgegessenen Tischen, die er an die Wand hängt. Die Galerie Levy in Hamburg zeigt seine zuletzt entstandenen Arbeiten mit Waschbrettern.
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HamburgWaschbretter, wohin der Blick reicht. Wie auf einer Wäscheleine hängen sie in der Hamburger Galerie Levy an der Wand. Gesammelt wurden sie von Daniel Spoerri. „Sie erzählen von Arbeit, Mühe und Qual der Frauen, vor allem der armen“, erklärt der Künstler. Unter der Bezeichnung „Waschrumpel“ werden sie für den Schweizer Künstler rumänischer Herkunft zum Bildträger seiner Assemblagen.

Die entscheidende Schaffensphase des 1930 geborenen Spoerri waren die 1960er-Jahre, als er die ‚Eat Art’ erfand und damit zu einem der wichtigen Objektkünstler des 20. Jahrhunderts wurde. Für seine ‚Fallenbilder’ genannten Arbeiten, den „tableaux pièges“, fixierte und konservierte er die Reste von abgegessen Tischen und hängte die Tischfläche an die Wand – so als wäre sie ein räumlich gewordenes Stillleben von gelebtem Leben, von Geselligkeit und Gesellschaft oder einfach nur von den Resten eines Essens. Die tiefgründige Banalität und auch die Schönheit des Alltags kehrte ein in die bildenden Künste und eröffnete neue Horizonte.

Neugierige Enten

Seit den Sechzigern ist die Assemblage Leitstern von Spoerris Arbeit, in immer wieder neuen Varianten. Das gilt auch für die „Waschrumpel-Werke“, die Thomas Levy jetzt für 24.000 Euro jeweils anbietet. In „Die neugierigen Enten“ von 2011 zum Beispiel hat Spoerri Schnabeltassen am Holzrand eines Waschbretts aufgereiht. Auf Französisch heißen die Tassen „Canard“ und werden bei ihm sogleich zum Titel einer humorvoll-hintergründigen Bilderzählung.

Gelenkte Deutung

Auf einem anderen Waschbrett wird ein Puppenkopf von einer Schraubzwinge malträtiert. Sie trägt den Titel „Kopfweh“. Spoerri: „Kommt man sich nicht manchmal bei starkem Kopfweh wie hier vor? Eingezwängt, wie in einem Schraubstock oder zusammengestaucht von einer Zwinge?“ Aber seine eher anekdotischen Eigen-Exegesen bleiben bei weitem hinter seinen originellen Bildfindungen zurück, die an dunkle Traumschichten appellieren. Der ausgestellte Bildkosmos seiner Reliefs mit Korallen und Metallobjekten, Holzfundstücken und Keramik oder dem Rastazopf eines 72-jährigen indischen Gurus zeugt von einer anspielungsreichen Erzähllust. Mal geht es kultisch-verspielt um einen „Hermaphrodit im Schlafsack“ oder humorig-böse um „Katzenschädel-Striptease-Tänzerinnen“, einen „Halskrausenvogel“ oder eine „Stiefelknechtin, von Fröschen beäugt“. Alles Titel, die zugleich einen sanften Weg in die Tiefe der Deutung vorgeben.

Am Ende eine Phallus-Parade

Bei der „Möchtegern Barbie“ (2013) wird es härter. Schlichte (Alt-)Männer-Phantasie mag das sein, die ihn zu dieser kleinen Parade von strammen Phalli und Barbiepuppen führte. Das Thema der Unterdrückung der Frau steht an einem der anderen Pole der Interpretationsmöglichkeit. Er selber formuliert dazu überraschend deutlich, dass die „Möchtegern Barbie“ von 2013 eine „geschmacklose Assemblage (ist), nach der dann Schluss war mit der Waschrumpel-Serie.“

"Daniel Spoerri - Waschrumpeln“ läuft bis 12. Juli 2013 in der Galerie Levy, Hamburg. Katalog, Hg. Thomas Levy, 96 S. mit Abb. der Exponate, dazu Texte von Daniel Spoerri, Kerber Verlag, 10 Euro. Im Heinrich-Sauermann-Haus auf dem Flensburger Museumsberg hat Spoerri mit seinen Objekten unter dem Titel „Historia Rerum Rariorum“ eine zeitgenössische Wunderkammer eingerichtet. Die Ausstellung läuft bis 22. September.

Das Auktionshaus Van Ham in Köln wird am 7. Juni 2013 eine größere Anzahl früher Werke Spoerris aus der "Eat Art"-Kollektion von Carlo Schröter versteigern. Sie stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Auch ein "Fallenbild" und Editionen der "Eat Art Galerie finden sich unter den Losen.

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