Deutscher Wirtschaftsbuchpreis 2009
Nikolaus Piper: „Die große Rezession“

Es gibt im Leben Zufälle, die zum Schicksal werden: Nikolaus Piper lebt ausgerechnet zum Zeitpunkt der größten Weltwirtschaftskrise unserer Zeit als Korrespondent in den USA. Während das Land um ihn herum gegen die Rezession kämpft, versucht der frühere Wirtschaftschef der „Süddeutschen Zeitung“ in „Die große Rezession“ zu erklären, wie es zu der Krise kommen konnte.
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BERLIN. Der Charme des Buchs „Die große Rezession“ (Hanser Verlag) liegt einerseits darin, dass Piper mit seiner Darstellung nicht erst im Jahr 2008 beginnt, sondern weit in die amerikanische Geschichte zurückgreift. Andererseits kann Piper auch komplizierte ökonomische Sachverhalte leicht verständlich schreiben. Es ist spürbar, dass er zuvor bereits Sachbücher für Kinder verfasst hat.

Pipers eigene Position ist dabei offensichtlich: Er sieht die Finanzkrise nicht als singuläres Ereignis, sondern ist Anhänger der Thesen des Ökonomen Hyman Minsky: Für diesen sind die Finanzmärkte nicht inhärent stabil, in denen einzelne Krisen die Ausnahme sind – vielmehr sorgen die wirkenden Kräfte dafür, dass die Finanzmärkte nach einer Erholung bereits wieder auf die nächste Krise zusteuern. Also beschreibt Piper die Krisen und „Crashs“ des 19. Jahrhunderts, besonders aber die von 1907 und 1929 sowie die sich permanent bildenden Spekulationsblasen für Öl, Energie, Nahrungsmittel und Immobilien.

Spannend ist dabei die Beschreibung der starken Ausschläge zwischen staatlicher Regulierung und Deregulierung durch wechselnde Präsidenten. Im Rückblick wird aber auch klar, wie fruchtlos das Agieren der Regierungen oft war: Zwar versuchte man stets, die Fehler der letzten Krise zu vermeiden – schuf damit aber oft neue Probleme. Ein markantes Beispiel dafür ist Bill Clintons Versuch 1993, die Managergehälter einzudämmen: Als er die steuerliche Absetzbarkeit der Grundgehälter auf eine Million Dollar begrenzte, führte dies danach zur Explosion der flexiblen Gehaltsanteile – heute kurz „Boni“ genannt.

Nicht nur die Stärke, sondern auch die Schwäche des Buchs liegt in der europäischen Sichtweise auf die USA. Einerseits hilft sie, besser durch den Nebel der in den USA stark ideologischen Debatten über die Rolle des Staats zu schauen. Andererseits verliert sich Piper etwas in den Kapiteln über die anachronistischen Gesundheits- und Bildungssysteme, die sicher faszinierende Bereiche der US-Gesellschaft sind, aber nicht unmittelbar zum Thema des Buchs passen.

Und trotz des Glaubens an die Minsky-Theorie suggeriert auch Piper am Ende, dass die Staaten mit mehr Regulierung die nächste Krise verhindern können. Immerhin verfällt er nicht dem Fehler, die USA nun abzuschreiben. Die relative Stärke des Landes sinkt zwar, die Probleme sind riesig – aber die Vereinigten Staaten bleiben schon deshalb ein Gigant, weil Produktivität und Bevölkerungszahl schneller steigen als etwa in Europa. Piper zitiert dazu die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright. Diese hatte die USA als „unverzichtbare Nation“ bezeichnet.

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