Die schwedischen Ökonomen Kjell A. Nordström und Jonas Ridderstråle schreiben und dozieren über „Karaoke-Kapitalismus“
Abkupfern bis zum Abwinken

Kahl geschorenes Haupt, schwarzes Leder, übergroße Designer-Uhr und mächtig beringt. Ganz ehrlich: So stellt man sich angesehene Ökonomen nicht vor. Und nun sind es sogar zwei, die nicht nur eine gemeinsame inhaltliche Basis gefunden haben, sondern sich auch im Äußeren kaum voneinander unterscheiden.

HB STOCKHOLM.Kjell A. Nordström und Jonas Ridderstråle haben es trotz - oder sollte man sagen, wegen - ihres Aussehens geschafft, sich mit zwei ungewöhnlichen Management-Büchern in die Spitzengruppe der internationalen Vortragsreisenden zu katapultieren. Unternehmen wie BMW und Siemens haben die beiden promovierten Ökonomen aus Schweden als Berater verpflichtet. Nach "Funky Business", das in 20 Sprachen übersetzt wurde und sich 250 000-mal verkaufte, liegt nun das neue Werk der beiden extrovertierten Wirtschaftswissenschaftler vor: "Karaoke-Kapitalismus - Fitness und Sexappeal für das Business von morgen" heißt es.

"Produkte werden sich immer ähnlicher, jeder kopiert von jedem", erklärt Ridderstråle den Karaoke-Kapitalismus im Gespräch. Originalität sei Fehlanzeige, und so kopieren wir uns noch in den Untergang, meint Nordström. Wer einmal in einer Karaoke-Bar gewesen sei, merke selbst nach vielen Drinks, dass das Original einfach deutlich besser klingt. Playback gibt kein Payback!

"Sei du selbst", lautet deshalb ihr eindringlicher Ratschlag. Jedes Unternehmen, jedes Individuum eine Ich-AG? "Ja, nur so können Unternehmen sich von der Masse unterscheiden", sagen die beiden. Ein Konzern müsse sich einerseits sehr stark den Kundenwünschen anpassen, gleichzeitig aber auch "sexy" sein, wie es Ridderstråle nennt. BMW sei ein gutes Beispiel dafür: "Gewöhnliche Limousinen, aber mit dem gewissen Extra." Nur dann, so Nordström, würden die Leute das Produkt zu einem hohen Preis kaufen und selbst auch noch überzeugt sein, ein "verdammt gutes Geschäft gemacht zu haben".

Gleichzeitig räumen sie mit einigen Heiligtümern auf: Das populäre Benchmarking ist heutzutage nur noch Ausdruck der Karaoke-Mentalität: Man will messen, wie weit man beim Abkupfern gekommen ist, sagt der eine. Outsourcing als Unternehmensphilosophie habe keinen Sinn, da diese Möglichkeit des angeblichen Wettbewerbsvorteils jeder Firma zur Verfügung steht, sagt der andere.

Die beiden originellen Rock-Ökonomen, die bis zum Sommer Lehraufträge an der Stockholmer Handelshochschule hatten, leben ihre Lehre: Unter 8 500 Euro pro Mann treten sie nicht auf. "Wir halten jeder so 40 bis 50 Vorträge im Jahr", gibt Ridderstråle freimütig zu.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Wer von Ihnen ist eigentlich das Original, wer die Kopie? "Als Duo sind wir einmalig", grinsen die Herren Doktoren.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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