Dirigent zwischen Kultur und Wirtschaft
Klavierstücke zum Tagebau

Schon als Wirtschaftsminister war Werner Müller ein Klassik-Missionar. Den Energiekonzern RAG saniert er im Rhythmus von Bach. Dort hat sich Müller auf die Fahnen geschrieben, das Ruhrgebiet auch kulturell voranzubringen. Seine Leidenschaft für klassische Musik hilft ihm dabei.

Jeden Morgen geht Werner Müller, wenn er das Büro betritt, erst einmal an den CD-Player. Der steht ziemlich unscheinbar auf der Fensterbank in der 21. Etage. Die Hifi-Anlage in Graumetallic wirkt, als würde sie zum Panoramablick aus der Vorstandsetage gehören. Man schaut über die Silhouette des Ruhrgebietes, das heute im Nebel liegt. Am Horizont zeichnet sich das Kraftwerk Gelsenkirchen ab.

In Müllers Arbeitszimmer läuft das Kontrastprogramm. Neben seinem CD-Player liegen rund zwei Dutzend Aufnahmen – die meisten mit Johann-Sebastian Bachs Klavierwerk. „Bach geht immer“, sagt er, „den kann man nebenbei hören oder mit voller Konzentration.“ Und das tut er, von der ersten Arbeitsminute, bis er das Büro am Abend verlässt. Die Zeitungen hat er schon zu Hause gelesen. Natürlich auch etwas anders als seine Manager-Kollegen: „Am liebsten lese ich die Samstags-FAZ. Meist von hinten nach vorne. Ich hole mir den ,Kunstmarkt' heraus, dann das Feuilleton - und am Ende überfliege ich noch die Wirtschaft und die Politik.“

Der ehemalige Wirtschaftsminister der Regierung Schröder und jetzige Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns RAG ist ein Schöngeist. Wahrscheinlich ist er auch deshalb so erfolgreich, weil er in sich ruht – und in der Welt seiner Leidenschaft, der Musik. „Dabei muss ich nicht Klavier spielen, um abzuspannen, denn ich bin ziemlich selten angespannt.“

Der Mann aus dem Emsland ist ein großer Stoiker, lang gewachsen. Und wenn er zu reden beginnt, hört sich das ein bisschen nach Valium an. Einen Charakter, den Müller längst zum Vorteil umgemünzt hat: „Ich habe so ein paar Grundeigenschaften, über die ich nicht unglücklich bin. Eine davon ist, dass ich mich selten aufrege. Das hat mich schon Mal eine Freundin gekostet. Ihr Kardinalvorwurf war, dass ich ein Gemüt wie ein Fleischer habe.“ Werner Müller zuckt nicht mit den Wimpern, wenn er solche Dönekes erzählt – sein Kopf ist längst wieder bei Bach.

Inzwischen hat Müller sein erstes Zigarillo angezündet und sorgt dafür, dass in seinem Büro ähnliche Sichtverhältnisse herrschen wie draußen im Pott. Gould spielt im Hintergrund das C-Dur-Präludium durch die Rauchschwaden. „Glenn Gould ist und bleibt ein Unikum. Wie er das Tempo hält und trotzdem frei interpretiert, das ist einfach genial. Er hat Bach schon durch seine eigenwillige Art zur Renaissance verholfen.“

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