Doch der Meister kommt nicht
Eins für gut, eins zum Wegwerfen

Gerhard Richter gilt als teuerster Künstler der Gegenwart. Das liegt nicht nur an der künstlerischen Qualität seiner Bilder.

DÜSSELDORF. Gleich wird er federnden Schritts hereinkommen, der Maler mit den großen Augen und dem durchdringenden Blick. Feingliedrig und schlank, die 73 wird man ihm nicht ansehen. Gerhard Richter, einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, will Anfang der Woche in die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf kommen, mitten in die halb aufgebaute Ausstellung, die seinen Namen trägt. Werkzeug liegt überall herum, Elektrobohrer surren, das Dutzend Männer vom Hängeteam ist dabei, Großformate an den Wänden in die Waagerechte zu bringen. Jetzt fehlt nur noch Richter. Doch der Meister kommt nicht. Und so müssen wir uns ein Bild von ihm und seinem Erfolg machen.

Museen, Sammler und der Kunsthandel, alle feiern Gerhard Richter. Er ist der Maler der Superlative, und das gilt auch im Ökonomischen. Richter ist weltweit gefragt. Für Spitzenwerke zahlen Kunstsammler und US-Museen auf Auktionen bis zu fünf Millionen Dollar, im privaten Handel sogar noch mehr. Alle wollen ihn, er aber versucht, sich dem Rummel zu entziehen. Richter ist medienscheu, für die meisten Fans und sogar für die Händler schwer zu erreichen. In Köln, wo er lebt und arbeitet, hat er sich im Atelier Richter einen Schutzwall aus Mitarbeitern aufgebaut.

Umso erstaunlicher erscheint, dass Gerhard Richter gleich mehrfach zum weltweit wichtigsten zeitgenössischen Künstler gekürt worden ist. Morgen öffnet die breit angelegte Ausstellung, die ihm die Kunstsammlung in Düsseldorf ausrichtet. Das Handelsblatt spürt den verschiedenen Ingredienzen dieser Künstlerkarriere nach und befragt Weggefährten. Was macht seine Malerei so begehrt, dass sie, einem Adelsprädikat gleich, auch den Sammler, der sie erwarb, nobilitiert?

Der Künstler

1932 in Dresden geboren, studiert Richter bis 1957 zunächst Plakatmalerei, dann freie Malerei in Dresden. 1961 verlässt er die DDR für immer und studiert an der Düsseldorfer Akademie, wo er von 1971 bis 1994 selbst eine Professur innehaben wird. Eine seiner frühen Ausstellungen von 1963, die provozierende „Demonstration für den Kapitalistischen Realismus“, geht in die Kunstgeschichte ein als Beginn der deutschen Pop-Kunst. Bald wird ihm eine seltene Ehre zuteil: Gleich mehrfach stellt er auf der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel aus – den führenden Schauen der Gegenwartskunst. Parallel dazu baut Richter seine Stellung in den USA auf – in New York. In den 80er-Jahren wird der Künstler mit großen Museumsausstellungen in Deutschland und Amerika berühmt.

Der teuerste Zeitgenosse

Im Jahr 2001 hat die Richter-Welle den Höhepunkt erreicht. Fünf US-Museen kündigen eine Ausstellungstournee mit seinen Werken an. Endgültig ist der Mann, der mit „Ema“, dem die Treppe hinunterschreitenden Akt, 1966 ersten Ruhm erlangte, zum Darling des weltweiten Kunstmarktes geworden. Und das zeigt sich beim Preis: Seine New Yorker Galeristin Marian Goodman verkauft im selben Jahr die „Tänzerinnen“, ein Gemälde nach einem Foto von 1966, für 8,8 Millionen Dollar. Den ersten Käufer, den Duisburger Immobilienhändler Hans Grothe, hatte das Bild 27 Jahre früher 14 000 Mark gekostet.

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