Doris Saceldo
Lautlose Klage der Kunst

Ein Mahnmal für die Opfer der Gewalt beeindruckt die Besucher des römischen MAXXI-Museums. Schöpferin ist die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo. Sie lässt Gras aus gestapelten Tischen wachsen, die an Särge erinnern. Ein Zeichen gegen die Resignation.
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RomBeim Betreten der Galerie 2 des römischen Museum MAXXI  hat der Besucher ein seltsames Gefühl. Es ist, als betrete er eine Glasglocke. Das Hier und Jetzt bleibt außen vor und ist allgegenwärtig. Denn in der Form, in der es heraufbeschworen wird, als etwas Unerklärliches, Unheimliches, erschüttert es den Besucher zutiefst. Was wir vor uns sehen, verschlägt uns den Atem. Es ist totenstill. 120 Särge bilden ein Labyrinth vor uns, allein dank unserer Einbildungskraft. Die kolumbianische Künstlerin Doris Saceldo begnügt sich mit einer Anspielung, mit wenigen doch wirkungsvollen Mitteln. 120 Tischpaare, Rücken auf Rücken gestellt, je vier Beine auf dem Boden, vier in die Luft gestreckt. Die längliche Form, das schlichte Holz und ein mit Erde gefüllter Zwischenraum zwischen den Tischplatten löst eine Assoziationskette aus: Massengräber, namenlose Opfer der sinnlosen Gewalt. Unüberschaubar, scheinbar endlos in unregelmäßigen Abständen aneinandergereiht, geben die Tischpaare einen Weg vor, sie umschließen den Besucher, zwingen ihn sanft, sich zu nähern. Er soll sich nicht von der Beklommenheit lähmen lassen.

Es schimmert zart grün in der kastenförmigen Unterseite des rücklings, zu oberst liegenden Tisches. Grashalme sprießen aus der Tischplatte, ein Keim der Hoffnung, den die 1958 in Bogotà geborene Künstlerin in die erdige Zwischenlage gesät hat. Sie haben sich einen Weg aus der Tiefe gebahnt dank kleiner Perforationen im Holz. Der spärliche Lichteinfall war ihr Lenker. So wird die Leichenhalle zum Gewächshaus. Man meint, das Gras wachsen zu hören. Die zarten Halme entrinnen dem Sarg, sie fliehen den Tod, werden zu Hoffnungsträgern.

Erschütternde Statistiken 

Doris Salcedo erklärt im Begleittext zu der Schau, dass der Bandenkrieg der Ghettos im kalifornischen Los Angeles und der seit Jahrzehnten anhaltende Bürgerkrieg in ihrem Land sie zu der Installation angeregt haben. Sie hat die nüchternen Statistiken, die von über 10.000 Toten in Los Angeles in den letzten 20 Jahren und 1.500 Opfern der Militärgewalt in Kolumbien zwischen 2003 und 2009 sprechen, in einen stilles Gebet und eine lautlose Klage verwandelt. Ihre Installation füllt die entsetzliche Leere der abstrakten Namenlosigkeit der Todesopfer, sie gibt den Zurückgebliebenen die Möglichkeit zur Trauer und zum Aufschrei. Es ist ein universelles „Stummes Gebet“, es ist allen Opfern sinnloser Gewalt, von Syrien bis nach Darfur, gewidmet. Es ist ein Mahnmal, das der unschuldigen Toten gedenkt und zum Leben aufruft.

Stühle in einer Baulücke 

Doris Salcedo will nicht als politische Künstlerin definiert werden. Für sie bedeutet Kunst Erinnern, Aufarbeiten kollektiver Erfahrungen. Ihre Arbeiten sind gesellschaftskritisch, weil sie sich mit der Realität befassen, mit den Konflikten, die das Zusammenleben der Menschen prägen. Das „Stumme Gebet“ vereint wichtige Elemente früherer Installationen, angefangen von den Materialien über die symbolträchtigen Formen bis hin zur Suggestionskraft, mit der die Künstlerin den Betrachter einbezieht. Bei Materialen bevorzugt sie alltägliche Gegenstände, vor allem Mobiliar wie Tische oder Stühle wie auf der 8. Biennale in Istanbul. Hier füllten 1.550 Holzstühle eine riesige Baulücke in einer Häuserfassade. Stühle aus Stahl, Holz, Harz und Blei waren auch die Protagonisten ihrer Installation auf der Documenta 11 in Kassel 2002. Sie standen verloren im Raum, an den Lehnen, Sitzen oder Beine miteinander verschmolzen. In einem weiteren Raum waren es verkohlte Stuhlbeine, die sich diagonal kreuzten.  Überbleibsel einer Tragödie: Das blutige Ende einer der Geiselnahmen in Bogotà im November 1985.

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Lautlose Klage der Kunst

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Ein Spalt in der Tate Modern

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