Europa
Brüchiges Mosaik

Politiker beschwören in Sonntagsreden die gemeinsame europäische Idee, doch im Alltag rücken nationale Interessen wieder in den Vordergrund. Sechs Autoren aus Italien, Bosnien, Ungarn, Polen, Irland und Deutschland setzten ihre Hoffnung auf eine gemeinschaftliche Entwicklung - und berichten von ihren Sorgen vor einem Scheitern.

LEIPZIG. Das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Fahne findet Manfred B. scheußlich. Mit Deutschland verbindet er Schrebergartenmentalität, kleingeistiges Denken und den Mief seiner Heimatstadt Frankfurt/Oder. Er will damit nichts mehr zu tun haben - in wenigen Augenblicken ist es soweit. Mit 299 Anderen wartet Manfred B. in einem festlichen Saal in Brüssel auf den entscheidenden Satz: "Hiermit erkläre ich Sie, Mann oder Frau, zu Europäern."

Mit dieser fiktiven Szene beginnt Antje Rávic Strubel ihren Essay "Unterwegs nach Europa". In mehreren Episoden entwirft die Autorin ihre Vision einer gemeinsamen europäischen Identität. Die Berlinerin ist eine von sechs Schriftstellern, die einen Essay zum diesjährigen Autorenspecial von der Leipziger Buchmesse und dem Literarischen Colloquium Berlin geschrieben haben. Das Thema: "Sonntagsreden und Alltagsprobleme - Europa zwischen politischer Folklore und nationalem Populismus".

Politiker beschwören in Sonntagsreden die gemeinsame europäische Idee, doch im Alltag rücken nationale Interessen wieder in den Vordergrund. Davon erzählen die sechs Autoren aus Italien, Bosnien, Ungarn, Polen, Irland und Deutschland. Die Osterweiterung, die Debatte um den Türkei-Beitritt und der gescheiterte Verfassungsvertrag zeigen, wie schwer es ist, 27 Nationen zu vereinen.

"Nicht nur Deutschland - ganz Europa verzeichnet neuerdings einen Rechtsruck. Stammtischsprüche und Hassreden scheinen wieder salonfähig zu werden, jedenfalls sind sie stark präsent und wirken häufig ungebrochen", schreibt Sa?a Stani?ic. Der Autor ist in Bosnien aufgewachsen. Als Kind hat er in den 90er-Jahren den Krieg miterlebt und ist vor serbischen Soldaten nach Deutschland geflohen. Als Nicht-Deutscher, der sich in Europa zu Hause fühlt, befremdet Stani?ic das neuerliche Erstarken der nationalistischen Strömungen: "Ehrlich, ich möchte am liebsten Muskeln haben und mutig sein und eine asiatische Kampfkunst können, um jedem Scheißnazi die Fresse zu polieren, der mir in einer sonntäglichen Leipziger Straßenbahn seine Sprache, seine Kraft, seine Wut zeigt", schreibt Stani?ic, der aus eigener Erfahrung weiß, wozu Nationalismus fähig ist.

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