Europäischer Filmpreis
Bertolucci, der Große

Mit „Der letzte Tango“ schuf er einen Skandalfilm, mit „Der letzte Kaiser“ ein Meisterwerk: Bernardo Bertolucci zählt zu den besten Regisseuren Europas. Am Samstag erhält er den Europäischen Filmpreis fürs Lebenswerk.
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RomBernardo Bertolucci gehört zweifelsohne zum Olymp der italienischen Filmemacher. 17 Spielfilme drehte der heute 71-jährige Meisterregisseur aus dem norditalienischen Parma in den vergangenen vier Jahrzehnten – von zahlreichen Dokumentarfilmen, Episoden- und Kurzfilmen ganz abgesehen. Die Bandbreite seines Werkes reicht thematisch von politisch radikalen und provokant revolutionären Streifen bis hin zu opulenten Meisterwerken. Am Samstag wird Bertolucci in Valletta auf Malta mit dem Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk geehrt. Der Preis wird auch als europäischer Oscar bezeichnet.

Der erste Preis ist dies für ihn bei weitem nicht. Zahlreiche nationale und internationale Ehrungen gewann der Regisseur im Laufe seines Lebens bereits, darunter mehrere Oscars und Golden Globes sowie die Goldene Ehren-Palme von Cannes und den Goldenen Ehren-Löwen von Venedig für sein Lebenswerk. Das ist auch kaum verwunderlich: Mit Filmen wie „Der letzte Tango“, „1900“ oder „Der letzte Kaiser“ setzte Bertolucci stilistische Maßstäbe, hinterließ bleibende künstlerische Fußspuren.

Aufgewachsen in einer großbürgerlichen und künstlerischen Familie – sein Vater ist Dichter, sein Onkel Filmproduzent – beginnt Bertolucci seine Karriere schon früh. Noch als Teenager dreht er seinen ersten Kurzfilm. Und nach einem kurzen Intermezzo, in dem er sich auf den Spuren des Vaters als Literat versucht, wird die Begegnung mit dem italienischen Regisseur, Dichter und Publizisten Pier Paolo Pasolini entscheidend. Pasolini nimmt ihn als Regieassistent bei „Accattone“ (1961) unter seine Fittiche. Nur ein Jahr später erscheint Bertoluccis Regiedebüt „La Commare Secca“.

Den internationalen Durchbruch und ersten Welterfolg beschert Bertolucci aber erst sein siebter Film rund zehn Jahre später. „Der letzte Tango in Paris“ trifft 1972 den Nerv der Zeit, die damals geprägt ist von der 1968er Studentenrevolte und ihrem Drang nach Leben und (nicht zuletzt auch sexueller) Freiheit. Kritiker rühmten das Werk damals als „stärksten erotischen Film, der je gedreht wurde“. Und während er im katholischen Italien prompt verboten wurde, macht der Rest der Welt den skandalösen Streifen zum Kultfilm. Die Handlung des „letzten Tango“ ist dabei beschränkt: Ein Amerikaner (Marlon Brando) streunt durch Paris und trifft auf eine junge Französin (Maria Schneider). Danach geht es nur noch um Sex.

Nur vier Jahre später lässt Bertolucci seinem skandalösen Erfolg ein ganz andersgeartetes Werk folgen. In dem monumentalen Epos „1900“ erzählt er in fünfeinhalb Stunden und mit prominenter Besetzung über Italiens Bauern- und Klassenkämpfe zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht sein erster politischer Streifen: Schon mit den Filmen „Vor der Revolution“ (1964) über einen jungen Aristokraten aus Parma, der zum Marxisten werden will, und in „Der große Irrtum“ (1970) über die Karriere eines Professors unter Mussolini hatte er Akzente gesetzt. Hatten Kritiker ihm beim „Letzten Tango“ noch ein „unpolitisches Abdriften“ vorgeworfen, blieb „1900“ trotz Schauspielern wie Robert de Niro, Gerard Depardieu und Burt Lancaster für das breite Publikum nur schwer verdaulich.

Uneingeschränkten Beifall und Ruhm holte sich Bertolucci dann erst wieder 1987. Eineinhalb Jahrzehnte nach dem „Letzten Tango“ wird sein Monumentalfilm „Der letzte Kaiser“ zu seinem zweiten Welterfolg. Für die Verfilmung der Biografie des chinesischen Kaisers Pu Yih, der dreijährig auf den Thron gesetzt wird, erhielt Bertolucci sogar als erster westlicher Regisseur von Peking die Erlaubnis, in der „Verbotenen Stadt“ zu drehen. Der Film gewinnt ganze neun Oscars.

„Kein französischer, deutscher, russischer oder japanischer Regisseur hätte ein derart geglücktes und außerordentliches kulturelles Mimikry zustande bringen können wie Bertolucci in 'Der letzte Kaiser'“, urteilten Kritiker begeistert. Nach diesem rauschenden Erfolg blieb das Echo auf die folgenden Werke – fast notgedrungen, möchte man annehmen – eher beschränkt. „Little Buddha“ wurde 1993 ein Flop. Und auch der voyeuristische Streifen „Gefühl und Verführung“ (1996) und „Die Träumer“ (2003) enttäuschten die Erwartungen. Nach knapp zehnjähriger Pause trat Bertolucci erst in diesem Jahr wieder mit einem Spielfilm an die Öffentlichkeit. Der 2011 in nur wenigen Monaten im römischen Viertel Trastevere gedrehte Streifen „Io e te“ (Ich und du) nach dem erfolgreichen Roman von Niccolò Ammaniti lief in Cannes außerhalb des Wettbewerbs.

 
Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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