Filmpremiere
„Chodorkowski“ in Moskau gefeiert

Moskaus Kulturelite feiert den Film „Chodorkowski“ des Berliner Regisseurs Cyril Tuschi als ein Großereignis politischer Kunst. Bei einer Festivaleröffnung erlebte der kremlkritische Streifen einen wahren Ansturm.
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MoskauDie Spannung um die Moskauer Festivalpremiere des kremlkritischen Dokumentarfilms „Chodorkowski“ hielt an, bis im Kino nahe der Machtzentrale das Licht ausging. Schon im Vorfeld bekamen die Organisatoren des „Artdocfests“ mehr Aufmerksamkeit, als ihnen lieb sein konnte. Denn aus Angst vor Ärger mit Behörden setzten viele russische Kinos den heiklen Film des Berliner Regisseurs Cyril Tuschi gar nicht erst an. Doch Festivalchef Vitali Manski hielt an den Plänen fest. Und der Publikumsansturm war gewaltig. 

Das Festivalkino Chudoschestwenny musste den Film um Russlands berühmtesten Häftling und Ex-Ölmilliardär Michail Chodorkowski (48) gleich zweimal hintereinander zeigen. „Mutig!“, weil so nah am Kreml und noch dazu kurz vor der Parlamentswahl an diesem Sonntag, lobten viele Zuschauer. Nicht wenige hatten wohl erwartet, dass die russische Version des schon in Deutschland, Frankreich und den USA gezeigten Streifens doch nicht ganz so einfach über die Leinwand flimmert. Tuschi erhielt am Ende viel Beifall von den 600 Zuschauern. 

Freilich fiel das geplante Publikumsgespräch im Saal wegen der Zusatzvorstellung aus. Doch im Foyer dankten viele Russen dem deutschen Regisseur. „Sie haben unsere Geschichte und unser Leben verfilmt. Danke dafür“, sagte eine Zuschauerin. Andere riefen immer wieder „Molodez!“ - zu deutsch: Prachtkerl. Tatsächlich wagen sich einheimische Regisseure und Journalisten aus Angst vor Verfolgung kaum an die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte. 

„Ich glaube, es tut sich etwas in Russland, die Menschen werden mutiger. Auch in St. Petersburg hat ein Kinobetreiber den Streifen ins Programm genommen. Viele Russen wollen den Film sehen“, sagte Tuschi der Nachrichtenagentur dpa. Inzwischen zeigen 17 Kinos im Land die Doku, heißt es auf der Internetseite khodorkovsky-film.ru. Aber Selbstzensur und vorauseilender Gehorsam seien leider weiter verbreitet in Russland, sagte Emma Abajdullina vom Moskauer Filmtheater Eldar dem kremlkritischen Magazin „The New Times“. 

Tuschi hat den Fall des einst reichsten Mannes Russlands porträthaft mit vielen Zeitzeugen nacherzählt - von der weltweit beachteten Festnahme 2003 bis zum zweiten Prozess gegen den Ex-Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos. Unter anderem wegen Geldwäsche ist Chodorkowski verurteilt. 2016 soll er freikommen. Zwar konnten die Moskauer dem Film nichts Neues abgewinnen. Aber den dichten Überblick zu dem komplizierten Fall feierte Moskaus Kulturelite als Großereignis seltener politischer Kunst. 

So kurz vor den Wahlen wollte zumindest niemand der Organisatoren die Premiere als Provokation verstanden wissen. Immerhin gilt Chodorkowski nach wie vor als schärfster Kritiker des russischen Regierungschefs Wladimir Putin. Dessen Partei Geeintes Russland hofft erneut auf einen haushohen Sieg. Auch Tuschi lässt sich im Foyer keine öffentliche Meinungsäußerung über Putin entlocken. Chodorkowski schickte dem Regisseur aus dem Gefängnis einen Dankesgruß für den mit deutschen Steuergeldern finanzierten Film. 

In seinem Film zeichnet Tuschi vor allem nach, wie die beiden machtbewussten und aus Sicht von Zeitzeugen durch und durch arroganten Protagonisten gegeneinander kämpfen. Auf der einen Seite: der Multimilliardär Chodorkowski, der den damaligen Kremlchef öffentlich bloßstellt und die Opposition unterstützt. Auf der anderen Seite: Putin, der in Chodorkowski einen Rivalen sieht, den er zu Fall bringt - aber doch nicht menschlich brechen kann.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Filmpremiere: „Chodorkowski“ in Moskau gefeiert"

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  • Wie kommen Sie eigentlich dazu, die heutige Regierung Russlands mit einem Regime zu vergleichen, das über 15 Millionen Menschen das Leben genommen hat. Oder gibt es in Russland neuerdings Gulags?. Ich bin wahrlich kein Freund Putins und der ER, aber ihr Kommentar ist eine Verhöhnung der Opfer und muss als Geschichtsrelativierung bezeichnet werden.
    Kritik muss zutreffend sein damit sie wirkt, eine bloße Ansammlung von kuriosen Sprüchen, diskreditiert nur die wahre Kritik.

  • "Denn aus Angst vor Ärger mit Behörden setzten viele russische Kinos den heiklen Film des Berliner Regisseurs Cyril Tuschi gar nicht erst an." - Blödsinn, einen "Ansturm gab es nicht", ich war da, und dass es nur dort gezeigt wurde kann man damit erklären, dass Kinos Geld verdienen müssen und die Person Chodorkowsky entgegen ihrer Annahme in Russland von einer absoluten Mehrheit der Menschen sehr negativ gesehen wird, da werden die wohl auch keine Lust haben sich noch ein "Loblied" auf einen Dieb und Gauner, der plötzlich seine Fehler eingesehen hat, anschauen zu müssen. Chodorkowsky hat im Übrigen auch Putin finanziell unterstützt, war damals in Russland so üblich, dass man alle Parteien bezahlte.
    Schon mal die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass Chodor. deshalb gegen Putin rebellierte, weil er auch in Zukunft keine Steuern zahlen wollte und ihm eine Regulierung der Schattenwirtschaft und des Ressourcenverkaufs nicht gefiel. Hey, aber dass wäre dann doch zu logisch und Russland freundlich.

  • In Wikipedia steht, dass Cyril Tuschi russische Vorfahren hat und in den USA studiert hat. Dann hat er sicher seine eigenen politischen Vorstellungen. Ob diese so toll sind, wage ich zu bezweifeln.

    Es geht ja schon immer darum, Russland auf eine Linie mit den USA zu bringen, dass die z.B. keine Vetos bei der UN mehr einlegen, ihre Banken aufkaufen lassen, der Nato usw.

    Chodorkowski ist korrupt und hat eine dicke, rote Linie überschritten - er hat sich am russischen Volk bereichert und dann wollte er in die Politik gehen... so etwas kann eben auch schief gehen, wie man sieht. Die Mehrzahl der Russen finden Putin im Vergleich zu Oligarchen wie Chodorkowski als das kleinere Übel.

    Die 600 Zuschauer sind sicherlich politisch motiviert, da haben wohl alle Oppositionellen eine Einladung bekommen.

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