Flut seltsamer Nachschlagewerke
Die neue Lust am unnützen Wissen

Spätestens seit der Pisa-Studie floriert in Deutschland wieder das Geschäft mit dem Wissen. In immer neuen Varianten wird Wissbegierigen ein "Kanon" dessen angeboten, was sie vermeintlich oder tatsächlich gelesen haben müssen. Je breiter der Informationsstrom ist, desto mehr verlangen die Leser nach einer Vorsortierung und einer Orientierung. Doch nun haben clevere Autoren ein Ventil für einen allzu ernsten Wissensdruck entdeckt.

BERLIN. Als Protestbewegung bieten sie das genaue Gegenteil des Wissen-Kanons an - nämlich alles, was interessant, kurios, skurril sein könnte, man aber nicht unbedingt wissen muss. Die Spaß-Nachschlagewerke heißen etwa "Schotts Sammelsurium" oder "Lexikon der wissenswerten Nebensachen".

Neben absurden Häppchen präsentieren fast alle Bücher dieser neuen Welle durchaus einen Mehrwert: Mal werden die 20 höchsten Berge Mecklenburg-Vorpommerns aufgelistet (Zey), mal die Erklärung der römischen Ziffern (Schott) oder aber Hinweise für die Erstellung einer korrekten Tischordnung (Ankowitsch). Ein wenig erinnert dies an Arno Schmidt, der in seinem berühmten Zettelkasten-System alles Interessante aus der realen, erlesenen oder erdachten Welt abgelegt und verewigt hatte. Doch während Schmidt dieses private Kompendium als Basis für seine literarischen Werke nutzte, gehen die Autoren der aktuellen Generation einen radikal anderen Weg: Sie pressen einfach den Inhalt ihrer Zettelkästen zwischen zwei Buchdeckel.

Das klingt anspruchslos. Doch wer beobachtet, wie sich in den Büchereien inzwischen die Ablagen biegen, der ahnt: Hier wird offenbar ein mehr als nur heimliches Bedürfnis vieler Leser befriedigt. Denn genau genommen erfüllen die Nachschlagewerke sogar eine wichtige soziale Funktion. "Unnützes Wissen" hat in unserer Gesellschaft längst einen Wert an sich bekommen. In der modernen Medienwelt lässt sich mit Pseudo-Wissen oft mehr Eindruck schinden als durch jahrelange Fachstudien.

Auch für die Small-Talk-Fähigkeit sind die "unnützen" Ratgeber durchaus dienlich. So lässt sich mühelos mit Wissens-Häppchen glänzen - etwa mit den 18 berühmten Schriftstellern, die an Tuberkulose litten oder dem beeindruckenden Lebensalter einer Fuchsschwanzkiefer.

Folgerichtig hat etwa Christian Ankowitsch deshalb parallel noch ein "Konversations-Handbuch" auf den Markt gebracht. Ohnehin gilt er als Star der deutschen Nutzloses-Wissen-Szene und wird von Talkshow zu Talkshow gereicht. Die Unterschiede zwischen den Büchern liegen vor allem in der Aufmachung und der Art und Weise, wie sie Wissenshäppchen präsentieren. Wallechinsky/Wallace etwa haben ihre Informationen meist in Listenform sortiert. Wenig verwunderlich für ein amerikanisches Werk, konzentriert sich das Buch vor allem auf anglo-amerikanische Prominente. Während Zey mehr Wert auf vergnügliche Nebensächlichkeiten legt, wendet sich Ankowitschs Ratgeber den vermeintlich sinnvolleren Dingen zu: Die Tipps reichen vom Entfernen eines Blutflecks über das richtige Verhalten beim Tsunami bis zum internationalen Toilettenführer.

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