Fotografie
Nischenmarkt Deutschland

Die Blue-chips auf dem deutschen Auktionsmarkt für Fotografie heißen Albert Renger-Patzsch, August Sander und Otto Steinert. Die Ergebnisse der zurückliegenden Auktionssaison zeigen allerdings auch: Deutschland bleibt – anders als Frankreich – ein Nischenmarkt.
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Die Schwarzweiß-Klassiker Albert Renger-Patzsch, August Sander und Otto Steinert sind die unangefochtenen Blue-Chips des deutschen Fotomarkts. Das unterstreichen die Ergebnisse der letzten Versteigerungssaison. Mit etwas Abstand reichen an sie nur jüngere Klassiker wie Bernd und Hilla Becher oder Jürgen Klauke mit seinem Frühwerk heran.

Bei Renger-Patzsch, der mit schönen Beispielen von Van Ham ausgerufen wurde, schuf kaufkräftiger, aber auch leidenschaftlich sammelnder Berliner Handel die Fakten. Der ließ im entscheidenden Moment seine Mitbieter alt aussehen, indem er einfach Gebote ausrief, die höher als der nächste Bietschritt ausfielen. Rigoros sicherte sich der Händler so den auf 14.000 bis 18.000 Euro geschätzten „Gebirgsforst“ im Schnee für stattliche 50.000 Euro inkl. Aufgeld, trotz seines Warmtons. Das 1926 fotografierte Motiv gehört zu den oft publizierten Bildern des Fotografen. Ein attraktives Bild aus dem berühmten Band „Die Welt ist schön“, „Brasilianischer Melonenbaum“, sicherte sich derselbe Bieter für 37.750 Euro, ebenso wie das „Gelege der Silbermöwe“ für 23.750 Euro.

Museumsdirektor spielte den Augenöffner

Die sehr guten Resultate für Renger galten nicht allein dem stark wirkenden Motiv. Auch die Herkunft aus dem Nachlass Dr. Fritz von Borries dürfte eine Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. Das Herz des Lübecker Juristen schlug für Moderne Musik und zeitgenössische Kunst. Die Fotografie Rengers gelangte in einigen Beispielen in seine Kollektion, weil ihm der Lübecker Museumsdirektor Carl Georg Heise die Augen dafür geöffnet hatte. Dessen Ehefrau Hildegard war Schülerin von Renger-Patzsch.

Etwas Besonderes war bei Van Ham auch die „Bildhauerin (Ingeborg von Rath)“ von August Sander. Ein Kenner hob das auf 4.000 bis 6.000 Euro geschätzte Motiv auf 20.000 Euro, vermutlich derselbe Berliner Händler, der auch für Renger ordentlich Geld in die Hand genommen hatte. Das Porträt gehört zu den 60 Bildnissen, die Sander für seine erste Publikation „Antlitz der Zeit“ von 1929 ausgewählt hatte. Damals war das Urkonzept zu seinem nie vollendeten Mammutwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ bereits ausformuliert. Hinzu kommt, dass von der „Bildhauerin“ zwölf Negativbelichtungen existieren, so viele Varianten wie zu kaum einem weiteren Porträt. Sie sind für die Sanderforschung von großem Wert, denn sie zeigen zum Beispiel, mit welchem Kalkül der Fotograf in der Dunkelkammer den Ausschnitt festlegte.

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