Frieze Contemporary
Galeristen profitieren von der Verunsicherung

Krise und Verunsicherung beherrschen die Öffentlichkeit. Doch dem entzieht sich der Kunstmarkt erstaunlich hartnäckig. Auf der Londoner Zeitgenossen-Messe Frieze Contemporary wird daher kenntnisreich gekauft.
  • 0

LondonNie war der Ansturm auf die Sinne so groß. Nie war es im Messezelt der Frieze Contemporary mit seinen 170 Ständen so quirlig. Nie schienen die Gänge so gedrängt, die Kunst so dicht und bunt gehängt. Schon der Gang durch den von Thomas Bayrle mit einem psychedelischen Pantoffelmuster dekorierten Eingangstunnel ist eine klaustrophobische Erfahrung. Oder ist die Wahrnehmung getrübt, weil der Messeflaneur die Ruhe, Würde und Großzügigkeit der Frieze Masters noch im Sinn hat?

Nun wird auch noch gekocht. Wo es am Nordende komisch zu riechen beginnt, haben die englische Landkünstlergruppe Grizedale Arts und die chinesische "Yangjiang Group" ein Kunst-Kochzentrum mit Verkauf errichtet. Starkoch Sam Clark will Würmer mit japanischem Knöterich servieren. "Es ist das Frieze-Projekt, auf das ich mich am meisten freue", versichert Messechef Matthew Slotover, immer an Expansion interessiert.

Ruhe und Übersicht herrscht gleich am Eingang bei Hauser & Wirth , wo mit nur drei Künstlern, Hans Josephsohn, Paul McCarthy und Jason Rhoades, ein Überblick über das zeitgenössische Skulpturenschaffen gegeben wird - ein Tribut an den im August mit 92 Jahren verstorbenen Josephsohn. Dessen zur Nahsicht auffordernde, quadratisch figurative Messingreliefs (10.000 Euro) korrespondieren mit dem nur auf den ersten Blick unschuldigen, für 1,3 Millionen Dollar verkauften McCarthy-Glasfaserkopf "White Snow Head" - die sexuelle Anspielung des vor Flüssigkeit tropfenden Kopfes hat mit McCarthys Zwergenthematik zu tun.

"Wir profitieren ja schon seit Jahren von der Verunsicherung", kommentiert Galeriegründer Iwan Wirth die Stimmung. Das Londoner Käuferpublikum sei "aktiver als je, aber nicht nur mit oberflächlichem Shopping". Erzogen von der Dichte der Londoner Kulturinstitutionen und Privatsammlungen seien die Sammler "intelligenter als je".

Der Rundgang zeigt, dass auch verkauft wird, vor allem Bewährtes und Bekanntes. Etwa der neue Hirst bei White Cube, ein aus Skalpellmessern auf schwarzem Grund geformter "Grid" für 500 000 Pfund, oder das Georg-Baselitz-Frühlingsbild "Vorwärts im Mai" für 150.000 Euro bei Thaddaeus Ropac. Bei der Galerie Werner war eine Landschaft von Per Kirkeby schon weg, zu haben waren noch der riesige, fast goldgrundige Baselitz "Stillleben still" von 1995 und ein großer Polke für 1,3 Millionen Pfund. Werner ignoriert selbstbewusst die zeitliche Trennung von Contemporary Art und "Masters". Er zeigt ein großes Bild von E.W. Nay aus dem Jahr 1967 für 400.000 Pfund - die Galerie will sich des vernachlässigten deutschen Abstrakten annehmen. Bei Aurel Scheibler gibt es Nay-Aquarelle der Spätzeit für 42.000 Euro.

Seite 1:

Galeristen profitieren von der Verunsicherung

Seite 2:

Das Tafelsilber ist gefragt wie nie

Kommentare zu " Frieze Contemporary: Galeristen profitieren von der Verunsicherung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%