Gabor Steingart und der "Weltkrieg um Wohlstand"
Das Ende der westlichen Dominanz

Schonungslos, nüchtern und faktenreich analysiert Garbor Steingart in seinem globalen Wirtschaftskrimi die bedrohliche Verschiebung der kontinentalen Kräfteverhältnisse. In seinem neuen Buch "Weltkrieg um Wohlstand" geht es um die wirtschaftliche Konkurrenz in Asien, die auch beim Know-How mehr und mehr zu bieten hat.

BERLIN. Es ist gerade einmal zwei Jahre her, als chinesische Ingenieure in die Wartungsstation des Transrapids in Schanghai eindrangen. Sie wollten die Antriebstechnologie vermessen - und wurden dabei heimlich gefilmt. Obwohl auf frischer Tat ertappt, verteidigten die Chinesen ihr nächtliches Vorgehen erstaunlich offensiv. Die Aktion habe der Forschung und Entwicklung gedient, ließen sie ihre deutschen Partner kühl wissen.

Jahrelang galten Industriespionage, Technologiediebstahl und Produktpiraterie als unvermeidbare Nebenwirkungen im Geschäft mit dem Reich der Mitte. Ohne Know-how-Transfer kein Markteintritt. Entsprechende Klagen westlicher Politiker und Konzernchefs nahmen die Offiziellen in Peking stets mit freundlichem Lächeln und der Versicherung auf, etwas zu unternehmen. Doch wirklich passiert ist nichts - jedenfalls aus Sicht des Westens. Für China jedoch hat sich die Strategie, industrielle Innovationen abzuschöpfen, längst gelohnt.

"Der Angriff auf die Kernkompetenz des Westens hat begonnen", schreibt Gabor Steingart in seinem neuen Buch "Weltkrieg um Wohlstand". Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit "hat es ohne Krieg und Eroberung einen solchen Wissenstransfer gegeben". Bereits jetzt verlassen in Fernost viermal so viele Studenten die Universitäten wie in Europa. "Schmilzt das Innerste des produktiven Kerns, erkalten schnell auch die äußeren Zonen", schreibt Steingart. Die Folge sei ein "an den Rändern einsetzender Schrumpfungsprozess, der eine Volkswirtschaft von einst stattlicher Größe binnen kurzer Frist zum Sorgenfall" werden lässt.

Das Wohltuende an dem Buch ist der weitgehende Verzicht auf Anklage und Anteilnahme: Schonungslos, nüchtern und faktenreich analysiert Steingart in seinem globalen Wirtschaftskrimi die bedrohliche Verschiebung der kontinentalen Kräfteverhältnisse, ohne sich in ideologische Gräben zu begeben. Das Wehklagen der Globalisierungsgegner beeindruckt den Autor ebenso wenig wie die naiv-brutale Marktgläubigkeit der Neoliberalen. Wie ein Detektiv sammelt er Fakten und entlarvt manch offizielle Bilanz durch Hinzufügung sozialer wie ökologischer Kosten.

Mit großer Übersicht ordnet Steingart historische Ereignisse in den ökonomischen Kontext ein. Dieser Blick auf die Geschichte und die daraus abgeleiteten Prognosen für die künftige Entwicklung der Globalisierung eröffnen dem Leser eine geradezu dramatische Perspektive. Hier liegen die besondere Stärke und der hohe intellektuelle Reiz des Buches - auch wenn man nicht jede einzelne These des Autors teilt und nicht jede Zuspitzung nachvollziehen mag. Ob sich etwa aus dem globalen Unterbietungswettkampf gleich ein "Weltkrieg um Wohlstand" entwickelt, ist wohl eher dem Bedürfnis nach einem griffigen Titel geschuldet als der nüchternen Bewertung.

Streiten mag man auch über die kämpferische Forderung nach einer amerikanisch-europäischen Freihandelszone, die als "Festung nach außen" wirken und mit Importverboten oder Strafzöllen asiatische Angriffe abwehren soll. Der Befund allerdings, dass die Zeit westlicher Dominanz schneller als gedacht zu Ende geht, lässt sich nach dieser spannend geschriebenen und überaus anregenden Analyse kaum noch in Abrede stellen. Dieses Buch ist ein empfehlenswerter Beitrag zur Globalisierungsdebatte.

GABOR STEINGART: Weltkrieg um Wohlstand Piper-Verlag, München 2006, 384 Seiten, 19,90 Euro

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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