Gerhard Haderer
Der zeichnende Eulenspiegel wird 60

Karikaturen müssen manchmal wehtun. So auch die bisweilen bitterbösen Zeichnungen des Österreichers Gerhard Harder. Dem Künstler, in Deutschland für Stern und Titanic tätig, ist dabei im wahrsten Sinne nichts heilig.
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Wien/LinzVerlogene Kleriker, eitle Politiker, biedere Wochenend-Griller: Vor dem Karikaturisten Gerhard Haderer sind alle gleich. Der österreichische Zeichner mit dem spitzen Bleistiftstrich, der mit Publikationen im „Stern“ oder in „Titanic“ auch in Deutschland bekanntgeworden ist, stellt sie gleichermaßen bloß. Stoff für seine hintersinnigen Kommentare zu Politik und Alltag findet er vor seiner Haustür: „Mein Linz ist überall“, sagte der Humorist der Nachrichtenagentur dpa in Wien. Am Sonntag wird Haderer 60 Jahre alt.

„Ich bin ein Geburtstagsmuffel“, wehrt er ab, aber dieses Mal könne er nicht entkommen. „Mein erwachsener Sohn hat mir eröffnet: „Du wirst abgefeiert““, sagt Haderer, „und wenn meine Allerliebsten, meine Familie, das beschließt, beuge ich mich“. Bei einem großen Fest im Linzer Kulturhaus „Posthof“ werden also Freunde und Bewunderer den bissigen Chronisten ins siebte Jahrzehnt begleiten.

Geschätzt wird Haderer, der nach einigen Jahren als Werbegrafiker die politische Ebene der Kunst zum Beruf machte, für subtilen Humor und präzise Beobachtung. Die kommt in einer sehr ausgefeilten Aquarelltechnik auch künstlerisch zur Geltung. Sein beißender Humor verbirgt sich dabei hinter einer harmlos wirkenden Darstellungsweise: Er verzerrt seine Opfer nicht bösartig, im Gegenteil: Seine Figuren wirken mit drolligen Knollennasen und oft entrückten Augen meist sympathisch.

Unter der harmlosen Oberfläche aber zeigt sich beißende Kritik. Die richtet sich vor allem gegen Verlogenheit, Doppelmoral und Selbstzufriedenheit und kann sehr direkt konkrete Personen treffen. Der Rechtspopulist Jörg Haider war einer der Lieblingsgegner Haderers, auch der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hatte in seinen Satiren bekannte Gesichter.

Konsequenzen für seine Offenheit und Kompromisslosigkeit bekam Haderer durchaus zu spüren. In seinen ersten Jahren als Cartoonist stellte ihm seine Heimatzeitung „Oberösterreichische Nachrichten“ nach einer Satire über eine rassistische Aussage des damaligen Ministerpräsident den Stuhl vor die Tür. Und 2005 wurde er für seinen Cartoon „Das Leben des Jesus“ in Griechenland gar gerichtlich verurteilt: Die Gerichte dort werteten seine Darstellung Jesu als lässigen Weihrauch-Kiffer als Blasphemie.

„Ich habe mich eigentlich nur gewundert über den Skandal damals“, sagt Haderer. Besorgt äußert er sich aber über „eine Tendenz, die sich auch bei uns bemerkbar macht, dass Geschmack wieder als Kategorie herangezogen wird. Das ist doch tiefstes Mittelalter“.

„Ich bin hoffentlich doch ein politischer Mensch geblieben“, fügt er hinzu. Die Karikatur ist für ihn durchaus ein Gradmesser für Meinungsfreiheit: „Wir haben als aufgeklärte Demokraten das Recht, die Dinge bis zur Kenntlichkeit zu verzerren.“ Dabei ist seine Motivation für das Zeichnen auch persönlich, räumt er ein: „Das ist eine ständige Therapie, um den alltäglichen Wahnsinn, den ich überall wahrnehme, zu verdauen.“

Wie universell seine Beobachtungen sind, erstaunt ihn manchmal selbst. „Es passiert mir, dass ich in Berlin bei einer Ausstellungseröffnung gefragt werde: Herr Haderer, warum malen sie genau meinen Nachbarn“, erzählt er. „Aber ich finde meine Models vor der Haustür.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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