Günther Uecker zieht mit 75 Jahren Bilanz - Berlin feiert den Zero-Künstler an drei Orten
Bindfäden schreiben Spiralen in den märkischen Sand

Der Nagel ist sein Markenzeichen, aber seine Kunst ist universeller angelegt. Günther Ueckers ganzes Streben ist nach eigenen Worten das „Ringen um ein komplexes Menschenbild“.

BERLIN. Zum 75. Geburtstag des in Mecklenburg geborenen und in Düsseldorf zu internationalem Ruhm gelangten Künstlers werden in Berlin drei aufeinander abgestimmte Ausstellungen gezeigt, die Stärken und Schwächen zeigen.

Dass Uecker ein Marktfaktor ist, zeigt sich vor allem seit den 90er- Jahren, in denen seine Werke verstärkt in den Auktionen erschienen: sporadisch bei Sotheby’s und Christie’s, kontinuierlicher aber in den deutschen Versteigerungen von Lempertz, Ketterer und Neumeister. Einer der höchsten Uecker-Auktionspreise der frühen 90er-Jahre galt dem 100 x 200 cm großen Nagelbild „Weißes Phantom“ (1962-71), das im Dezember 1993 bei Sotheby’s 44 000 Pfund (damals 112 000 DM) erzielte. Auf netto 95 000 DM stieg das 150 x 150 cm große Nagelrelief „Weiße Wand“ (1991) im Mai 2000 bei Ketterer.

Im Prinzip gilt noch heute, dass die Auktionspreise niedriger als die Handelspreise liegen. Aber Hauptstücke wurden immer direkt von Großsammlern wie Gerhard Lenz oder Peter Schaufler direkt beim Künstler und seinen Hausgalerien erworben. Wenn bei den genuinen Uecker-Händlern Storms, Strelow und Wahlandt Kingsize-Formate wie die 2 x 2 Meter messenden, dicht benagelten Strukturfelder angeboten werden, liegen sie bei 140 000 bis 150 000 Euro.

In 19 Kapiteln führt der Martin-Gropius-Bau, Berlin, chronologisch durch das Gesamtwerk. Ab 20. April erweitert dann die Neue Nationalgalerie mit der Installation „Sandmühlen-Zeitspiralen“ diese groß angelegte Werkschau. In diesem Herzstück der Ausstellung schreiben Bindfäden, die an ein maschinenbetriebenes Holzgestänge geknüpft sind, mehr oder minder tiefe Ringe in den märkischen Sand und löschen sie mit jeder neuen Kreisbewegung wieder.

Die Zeit scheint in diesen archaisch schlichten Gebilden stillzustehen, und doch wirken sie wie eine lautlose Sanduhr auch als Monument der Vergänglichkeit, das uns zu Meditation und innerer Einkehr führt. Schon der „Sandkasten“ von 1975, ein als Tafelbild kaschierter Kanister, aus dem dunkler Sand auf den Boden rieselt, bedient sich dieser sanften Wirkung.

Vieles von dem, was im Erdgeschoss des Gropius-Baus ausgebreitet ist, wirkt in der Zusammenschau wie ein Anlaufen gegen die Zeit, ein Verweis auf Brüche, Narben und Unebenheiten der menschlichen Existenz. Gleichzeitig äußert sich auch in den von struktureller Unruhe geprägten Werken wie der „Fingermalerei“ von 1956 oder den großen, dicht an dicht mit Nägeln besetzten Strukturfeldern der 70er- bis 90er-Jahre ein Streben nach innerer Harmonie und Ordnung, das jedem Zeitgefühl enthoben ist.

Stark zeitbezogen wirken in dieser Werkparade die rotierenden Lichtscheiben, Zentralwerke der kinetischen Kunst der 60er-Jahre, und das „Terrororchester“, das mit seinen elektrisch kontrollierten Geräusch- und Schlagaktionen das Porträt einer gespaltenen und gestörten Gesellschaft liefert. Kein Gemälde, kein politisches Plakat der Zeit könnte die 68er-Stimmung besser symbolisieren als der hohe Käfig mit zerstochenem Kissen, rotierender Sichel und niedersausendem Vorschlaghammer, das den bezeichnenden Titel „Kleine Revolution 1848-1968“ trägt.

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