Handelsblatt-Liste der Wirtschaftsbestseller
Gier frisst Hirn

Deutschlands Buchhändler haben sie in ihr Herz geschlossen: "Jenseits der Gier" ist Gertrud Höhlers 23. Buch. Seit September hat der Econ-Verlag fast 25 000 Exemplare davon verkauft - ein Trend, den die neue Handelsblatt-Bestsellerliste für Wirtschaftsbücher bestätigt. Auf Anhieb schaffte das Buch den Sprung auf Platz zwei. Nur an der Management-Ikone Jack Welch und seiner Erfolgsfibel "Winning" ist die Literaturprofessorin noch nicht vorbeigekommen.

HB DÜSSELDORF. Mein Haus, mein Auto, mein Boot - Höhler schreibt über Raffsucht und Egoismus. "Die Gier nach Wohlstand ist gefährlich", sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt. Ein bemerkenswerter Satz in einem Land, das sich einst an Ludwig Erhards Grundlagenwerk "Wohlstand für alle" orientierte.

Höhler widmet sich den "Wohlstandskranken": Gier, das sei "entgleistes Verlangen" und "entartetes Begehren". Die Gier, ein süchtig machendes Laster, ein hirnfressendes Monstrum. "Was du begehrst, kannst du kaufen. Als begehrendes Wesen bist du der Liebling der Anbieter", schreibt sie.

Seit Jahren ist die 64-Jährige als Beraterin für Wirtschaft und Politik unterwegs. Sie arbeitete für Helmut Kohl und Alfred Herrhausen, den ermordeten Sprecher der Deutschen Bank. Sie war Beiratsmitglied im Verteidigungsministerium, im Forschungsministerium und bei Volkswagen. Heute sitzt sie im Board von drei Schweizer Konzernen.

Ein breites Spektrum beruflicher Arbeit also, das sich auch im Themenmix ihres Buches wiederfindet. Dort taucht der verstorbene Papst Johannes Paul II. genauso auf wie Guerilla-Marketing oder das Ernährungsverhalten der Deutschen. Die Klammer für all diese Themen ist die Diskussion um Werte: Der Papst etwa sei deswegen so sehr verehrt worden, weil er seine Positionen nie verließ. Positionen, mit denen seine Bewunderer nie einverstanden waren. "Eine Gesellschaft ohne Vorbilder hat es schwer, zu sich zurückzufinden", sagt Höhler.

Die Stärke ihres Buchs liegt in der unkomplizierten Sprache. Keine Schachtelsätze, keine monströsen Wortkonstruktionen; stattdessen einfaches, klares Deutsch. Die wichtigsten Thesen fasst sie schlagwortartig zusammen. Sie führt keinen wissenschaftlichen Diskurs, das wird ihr manch ein Kritiker vorwerfen. Lieber nutzt sie die Kraft des Arguments, der schlüssigen Aneinanderreihung von Gedanken. Gertrud Höhlers Buch lädt zur Diskussion ein. Und dies erklärt wohl, warum die diskussionsfreudigen Deutschen dieses Buch kaufen.

Höhler verkörpert einen ganz anderen Stil als etwa Jack Welch. Dem früheren Chef des US-Konzerns General Electronic geht es nicht um materielle Mäßigung, sondern um Erfolg. "In meinen Augen ist Erfolg etwas Phantastisches. Nicht gut, sondern phantastisch", schreibt er in "Winning".

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