HB10: Was wäre wenn
Eine Woche im Zeichen der Klarheit

Facebook, von der Leyen, G20: Klarheit ist das Gebot der Stunde. Und Unklarheit die Regel. Das zeigt sich bei der Bundeswehr genau wie bei Fitnessarmbändern. Eine Vision präsentiert von Handelsblatt 10.
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Liebe Leser, am 1. Mai startete eine Woche im Zeichen der Klarheit mit einem Datenleck bei Facebook: Der Konzern bietet Werbetreibenden offenbar an, sich gezielt an traurige und trauernde Jugendliche zu richten. Er hat unter 6,4 Millionen jungen Australiern und Neuseeländern die herausgefiltert, die sich gestresst, niedergeschlagen oder nutzlos fühlen. Verzweifelte Jugendliche als lohnende Zielgruppe: Anscheinend ist alles, wovor Kulturpessimisten seit langem warnen, nicht nur möglich, sondern bereits in der Umsetzungsphase. Facebook entschuldigte sich erst und versprach Besserung – leugnete aber dann schnell, dass die Daten für Werbetreibende bestimmt gewesen seien. Tu felix Australia.

Leichte Abzüge in der Klarheitsnote also. So wie auch bei Fitnessarmbändern, deren Nutzen bisher klar geregelt schien: Sie verraten dem Träger, ob er sich gesund ernährt, genug bewegt und wie viel länger er dadurch lebt. Jetzt warnen Verbraucherzentralen, dass die Bänder gehackt werden können und anhand ihrer Bewegungssensoren sogar verraten, welche Armbewegungen der Träger über einer Tastatur ausführt. Beispielsweise, um PIN-Codes und Passwörter einzugeben.

Unsere Welt wird halt immer komplexer. Da kann es nicht schaden, von Zeit zu Zeit in sich zu gehen. Unser Männlichkeits-Vorbild Brad Pitt beispielsweise hat, um die Trennung von Angelina zu verarbeiten, die Kunst des Töpferns gewählt. Unter der Leitung des britischen Bildhauers Thomas Houseago versucht er, den richtigen Ton zu finden – um ganz klar seinen Weg weitergehen zu können.

Auch Ursula von der Leyen setzte auf Klarheit und beklagte ein Haltungsdefizit bei der Bundeswehr, als herauskam, dass ein Offizier wohl Anschläge vorbereitete. Ihre Kritik kam nicht gut an. Doch je länger die Woche voranschritt, desto mehr drehte sich die Meinung. Spätestens seit die Ministerin beim Besuch des Bataillons auf Wehrmachtsdevotionalien stieß, sind wir dankbar, dass endlich mal jemand mit der Mistgabel den Augiasstall betritt.

So viel klare Kante tut gut in einer Zeit, in der die Wirklichkeit immer mehr verwässert. Wenn man Aktionen ins Leben ruft, empfehlen Marketingstrategen, ihnen klare Namen zu verpassen. G6 ist so ein Fall, da wusste jeder sofort, was gemeint war: Die Führer der sechs wichtigsten Staaten der Welt treffen sich, um die wichtigsten Probleme unserer Zeit zu lösen. Doch schon bald wurde aus der G6 die G7, die G8 oder 20, 22 oder 33 – je nachdem, wer gerade Lust und Zeit hatte. Die Y7 gibt es auch noch, ernsthaft, und die W20 als Vorbereitung für G20. Diese Woche fand das B20-Treffen statt, nach Google-Lesart ansonsten eine Straße in Bayern oder eine Kneipe in Hilden. Aus dem Musterbeispiel für gutes Marketing ist das Gegenteil von Klarheit geworden. Wir empfehlen deshalb wieder eindeutige Namen: zum Beispiel die GdmSdadEaw (Gemeinschaft der mitteleuropäischen Staaten, die aus der EU austreten wollen), oder genauer: GdSdiFeWepPeVamdZeEA (Gemeinschaft der Staaten, die im Falle eines Wahlsieges einer populistischen Partei ein Volksbegehren anstrengen mit dem Ziel eines EU-Austritts).

Die könnte Facebook übrigens auch einmal zur Zielgruppe zusammenfassen – und den Werbetreibenden vermitteln.

Ein schönes Wochenende!

Dieser Artikel ist exklusiv in der Smartphone-App Handelsblatt 10 erschienen, die jeden Tag mit 10 Autorenstücken die wichtigsten Themen des Tages zusammenfasst. In unregelmäßigen Abständen präsentieren wir Ihnen Visionen wie diese. Was Handelsblatt 10 sonst noch alles zu bieten hat, erfahren Sie hier.

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