Heinz-Joachim Fischer schreibt über Papst Benedikt XVI.
Mittagessen mit Joseph Ratzinger

Ausgerechnet der Papst stellt einen Geschwindigkeitsrekord auf. 19. April: gewählt, 24. April: im Amt, 11. Mai: Biografie erscheint. Genau genommen hat diesen Rekord natürlich nicht Papst Benedikt XVI. geschafft, sondern sein Biograf, Heinz-Joachim Fischer.

DÜSSELDORF. Der langjährige Rom-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" räumt im Vorwort ein, dass dies eigentlich ein Buch über Joseph Ratzinger "den Theologieprofessor, Kardinal-Erzbischof von München, den Präfekten der Glaubenskongregation und Dekan des Kardinalskollegiums" werden sollte. Nun sei zwar auch ein Buch über ebendiesen entstanden, "doch unversehens im Licht der Tatsache, dass dieser Deutsche aus Bayern" Papst geworden sei.

Das Buch in der Schublade, das jetzt wohl zu Gold wird - es ist Fischer zu gönnen. Gewährt er doch recht intime Einblicke über den neuen Pontifex just zu dem Augenblick, wo sich alle noch die Augen reiben nach der raschen Inthronisation und sich fragen: Was ist das eigentlich für einer, der Ratzinger? Ist das nur der Intellektuelle, der Mächtige aus dem Vatikan, oder gibt es da noch einen Menschen dahinter?

Von diesem weiß Fischer viel zu berichten, und er beginnt, wie es eigentlich jeder gute Biograf tun sollte, mit der ersten Begegnung. Fischer irrt am 4. Mai 1976 in den Betongängen der Regensburger Universität umher: "Es dauerte lange, bis ich den Raum fand und auf einen geistlichen Herrn traf, der nicht unfreundlich war, aber dennoch den Eindruck erweckte, er könne seine Zeit besser nutzen, als mit einem Journalisten über Theologie und katholische Kirche zu reden." Diese Distanz zwischen Journalist und Kirchenmann schwand immer mehr. Zuletzt, das wusste jeder Informierte in Rom, gab es einen ständigen Gesprächsfaden zwischen beiden. Wenn der Kardinal am Sonntag zum Mittagessen bei den Fischers war, hatte er immer ein Geschenk dabei etwa die neueste CD mit Liedern der Regensburger Domspatzen, "von meinem berühmten Bruder Georg dirigiert".

Jenseits dieses Anekdotischen kann Fischer aber auch profunde Auskunft zu menschlichen Grundkonstanten des Papstes geben. Die "gute Grunderfahrung mit dem Katholischen", die eigentlich nie getrübt oder gefährdet war, die eigene Bescheidenheit, das vollkommene Leben aus dem geistlichen Rahmenwerk (Geburtstage waren Arbeitstage, Namenstage in Erinnerung an den heiligen Joseph die eigentlichen Festtage), aber auch seine "Allergie gegen alles Dumme, das in Kirche und Welt verbreitet wurde".

Fischer zeichnet einen Mann, den die Kirche selbst groß gemacht hat, obwohl er dies eigentlich nie wollte. Er sei von den Kardinälen des Konklave, so die interessante These des Autors, "auch aus katholischem Stolz" gewählt worden. Denn niemand garantiere derzeit so sehr das Katholische wie der zum Papst gewählte Joseph Ratzinger.

HEINZ-JOACHIM FISCHER: Benedikt XVI. - Ein Portrait, Herder Verlag, Freiburg 2005, 176 Seiten, 12,90 Euro

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