Hollywood
Das große Fest der Gaukler und Spieler

Tränen, Schluchzer, Jubelschreie - Hollywood macht mit seiner "Oscar"-Show trotz der Krise wieder einmal großes Show-Bizz. Ein wenig bescheidener im Ton, ein wenig demütiger in der Selbstbeweihräucherung. Und ein wenig angeschlagen.

LOS ANGELES. Hollywood at its best: Großer Glamour, großes Gefühl, großes Blond und das vor allem: große Kunst: Kate Winslet erhält den Oscar für die beste Schauspielerleistung in "Der Vorleser". Hollywood at its best, part two: große Intelligenz, großes Engagement, großer Ernst, große Kunst: Sean Penn ("Milk") wird als bester Schauspieler mit dem Oscar geehrt.

Schnitt. Draußen auf dem großen Boulevard der ganz großen Träume vor dem Zelluloid - Tempel übertreffen sich die Sonderangebote von Shop zu Shop: Drei Paar Leder-Schuhe für 99 Dollar, italienische Anzüge für 169 Dollar. Der Hollywood Boulevard hat diesmal nicht extra sein schickstes Kleid übergeworfen, um die große Oscar-Verleihung 2008 zu feiern. Die Krise dringt aus allen Poren. Der Glamour ist woanders.

Statt auf den Hollywood-Champs-Elysees des Films wähnt man sich an der amerikanisch-mexikanischen Drogen-Grenze: schäbige Läden, abgerissene Gestalten und Reizwäsche-Schaufensterauslagen, die das Auge wie Agent Orange reizen. Fast-Food-Läden und Billig-Discounter wechseln sich ab. Vier Helikopter der Polizei kreisen stundenlang wie die Drohnen der Grenzpolizei über dem Boulevard. Die Polizei hat knallweiße Betonbarrikaden gegen mögliche Amokfahrten aufgetürmt und selbst die langen schwarzen Promi-Schlitten werden wie verdächtige Mafia-Autos gefilzt. Mit langstiligen Spiegeln kontrollieren die Cops - noch kurz vor Beginn der großen Show um 17.30 Uhr - jedes Chassis, das vorziehen will.

Vom großen Star-Glamour im Kodak-Theatre, wo die Oscars verliehen werden, strahlt nicht viel nach außen. Nichts in das direkt gegenüber gelegene Roosevelt-Hotel , wo die Oscars bis vor ein paar Jahren verliehen wurden, und schon gar nichts ins "J'etaime", ein megabilliger Dessousladen, der schräg gegenüber einem überlebensgroßen Oscar noch immer auf hat. Die Veranstalter haben den Über-Oscar wie jedes Jahr mitten auf den Hollywood-Boulevard gepflanzt. So können wenigstens jene Schaulustigen, die die weitläufige Absperrung mit einem Zoom-Objektiv überwinden, ein paar "Glamour"-Bilder in die Heimat mailen.

Doch Hollywood selbst glaubt natürlich trotz aller widrigen Winde unverdrossen an die Zukunft, hat nichts von dem demonstrativen Optimismus verloren. Die große Treppe, die das Kodak heraufführt, ist flankiert von Säulen, auf die noch 63 Gewinnerinschriften für den jeweils besten Film passen. Bis 2071 wird der Hollywood Boulevard wohl das bleiben, was er auch heute Abend ist: Eine Straße der Träume, der Illusionen und der ganz großen Verheißungen.

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