Im Internet hat ihr Buch Kultstatus erlangt
Tolstois trotzige Tochter

Der Spross von Leo Tolstoi hat sich mit dem Schreiben Zeit gelassen. Es hat sich gelohnt: Ihr Debütroman „Kys“ wird gefeiert als Schüsselwerk zum Verständnis der russischen Seele

Wer eine Nachfahrin von Leo Tolstoi ist, schleppt eigentlich schon genug Ballast mit sich rum. Da muss man nicht noch verglichen werden mit Nikolai Gogol und Vladimir Nabokov. Und doch stellen viele Tatjana Tolstaja in eine Reihe mit den Titanen der russischen Literatur. Kein Wunder, dass die 52-jährige Autorin, die trotz ihres schmalen Œuvres zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern der Gegenwart gehört, Vergleiche hasst. „Ich will in meiner eigenen Stimme schreiben“, sagt sie trotzig.

Mit ihrem ersten Roman „Kys“, der ab heute in deutscher Übersetzung in den Buchhandlungen liegt, ist ihr das gelungen. Ein Riesenerfolg in Russland und den USA. Das Buch wird gerühmt als Schlüsselroman zum Verständnis der russischen Seele und Geschichte. Die Grand Dame der russischen Literatur erscheint in Leipzig zum Interview im hellgelben Hosenanzug und ist ein wenig abgehetzt. Auf den ersten Blick wirkt alles weich an ihr: die Figur, die langen dunklen Haare, die braunen Augen riesengroß.

Doch hinter der weichen Fassade schimmert eine sehr selbstbewusste Frau durch. Unbequeme Fragen wischt sie mit einer heftigen Handbewegung einfach vom Tisch. Schlechte Karten hat, wer eine Exilgeschichte konstruieren möchte, weil die Tolstaja Ende der achtziger Jahre die Sowjetunion verließ. Die schillernde Autorin stammt aus St. Petersburg, studierte Altphilologie und arbeitete als Lektorin. Erst spät begann sie zu schreiben. Ihre ersten märchenhaften Erzählungen, die 1987 in Moskau erschienen, waren in Russland, USA und Deutschland eine Sensation.

Danach gab es eine lange literarische Funkstille. „Ich hatte andere Dinge im Leben zu tun. Ich habe zwei Kinder, musste sie aufziehen. Es war mir egal, ob jemand auf ein Buch von mir wartete, ich musste eben Geld verdienen“, sagt sie und rollt gefährlich mit den Augen, so würde sie sich zur Not mit jedem Verleger anlegen, der sie zu sehr hetzte.

Tolstaja lebte von 1988 bis 2000 mit Unterbrechungen in den USA. Dort schrieb sie vielbeachtete Essays für die „New York Review of Books“ und arbeitete als Literaturprofessorin in Princeton. Die Idee zu ihrem großen Roman blieb immer im Kopf. Häppchenweise fing sie an, Gedanken zu formulieren. In ihrer Familie lässt man sich Zeit, das hat Tradition. Schon ihr Großvater Alexej Tolstoj schrieb zehn Jahre am Roman „Peter der Große“. Dann kam der zweite Weltkrieg, und „er wusste nicht, was er aus seinen Helden machen sollte.“ Großvater Alexej gab auf

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Genau das würde Tolstaja nicht tun. So unbeirrt, wie sie daran festhält, realistische Stoffe in Märchen zu verpacken. So unbeirrt geht sie ihren Weg. Schreiben war für sie nie das Wichtigste im Leben. Die Leidenschaft für die Familie ging vor. Mittlerweile ist die resolute Russin vierfache Großmutter und längst nach Moskau zurückgekehrt. Dort arbeitet sie als Co-Moderatorin bei einer Talkshow mit dem vielsagenden Titel „Die Lästerschule“, was wohl weniger über die diffamierende Fragetechnik, denn über russischen Humor aussagt.

Auch Tolstajas Roman ist eine grandiose Groteske, die vor allem ein Thema hat: die Unfähigkeit der Menschen miteinander zu sprechen. Doch die listige Autorin will es ihren Lesern, vor allem den westlichen, nicht leicht machen. Sie liebt Vergleiche und schräge Bilder.

Ihr Roman schildert die russische Gesellschaft 300 Jahre nach einem Atomknall, der alles verwüstet hat: Phantastische Gestalten mit Krallen und Hahnenkämmen bevölkern die Szene. Es gibt Leute, die in Erdhütten hausen und Menschen, die wie Fuhrtiere arbeiten müssen. Dazu eine reiche, korrupte Oberschicht. Klassenunterschiede knallen heftig aufeinander.

Mit dem heutigen Russland habe diese Symbolik nichts zu tun, sagt die Autorin energisch – sondern mit der Vergangenheit. Sie sieht ihr Land inzwischen auf dem richtigen Weg. Und die Gewalt? Die Verbrechen? Tolstaja setzt sich auf und schaut streng. Sie ist sauer auf die Medien: „Wenn ich im Ausland bin, bekomme ich auch Angst, wenn ich lese, was in den Zeitungen steht. Bin ich wieder in Moskau, sehe ich, dass es da auch nicht mehr Gewalt als in anderen Städten gibt.“

Mittlerweile ist Tatjana Tolstaja eine der gefragtesten Botschafterinnen für russische Literatur. Weil sie nie zur russischen Intelligenzia gehörte, halten ihre Landsleute sie für besonders glaubwürdig. Vielleicht auch, weil sie gerne mal aus der Reihe tanzt. Cool zündete sie sich jüngst bei einer Berliner Podiumsveranstaltung am Pariser Platz eine Zigarette an, weil sie keine Lust mehr hatte, die Fragen zu beantworten.

Im Internet hat ihr Buch, das mit der Weltliteratur spielt, Kultstatus erlangt. Groteske Begriffe und verballhornte Schimpfwörter würden in Chatrooms selbst von Fußballfans benutzt, wundert sich die Tolstaja. „Eigentlich lesen diese jungen Leute doch gar nicht, sie haben immer so merkwürdige Dates im Internet, und jetzt benutzen sie auch noch meine Sprache.“ Manchmal verstehen eben auch die Russen selbst die russische Seele nicht.

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