Interview mit arabischem Schriftsteller
„Der Westen hat die Islamisten unterschätzt“

In seinem jüngsten Buch „Die Attentäterin“ beschäftigt sich der algerische Schriftsteller Yasmina Khadra mit den Hintergründen eines palästinensischen Selbstmordattentats. Mit dem Handelsblatt sprach er über die Problematik des Nahost-Konflikts, Terrorismus und Islamismus.

Handelsblatt: Herr Khadra, Ihr Roman "Die Attentäterin" endet sehr traurig. Haben Sie noch Hoffnung für einen Frieden im Nahen Osten?

Yasmina Khadra: Araber und Israelis sind Opfer und Täter zugleich. Der Konflikt wird von außen geschürt. Die einfachen Menschen haben genug, die beiden Völker wollen in Frieden leben. Aber der Westen darf seine Augen nicht vor den Fakten verschließen. Die Palästinenser sind ein dauerhaft und abgrundtief gedemütigtes Volk. Ruinen, geschlossene Schulen, eine Jugend, die sich selbst überlassen ist. Die Palästinenser benötigen einen Staat mit respektierten Grenzen. Ich arbeite und schreibe dafür, dass die Menschen intelligenter an die Sache herangehen.

Doch die Macht liegt bei Politikern, nicht bei Intellektuellen.

Die meisten Intellektuellen sind heute auf dem Egotrip, sie betreiben Nabelschau. Sie müssen sich aber in die aktuellen politischen Debatten einmischen. Wenn man den Zorn der Menschen in den Griff bekommen will, muss man ihnen zuhören. Wo haben sie Recht, wo irren sie sich? Das versuche ich. Doch die Politiker wollen nicht anerkennen, dass jemand berechtigten Zorn verspüren kann. Sie packen alles unter das Etikett "Terrorismus". Und mit Terroristen kann man nicht verhandeln, weil das ja Kriminelle sind.

Sie unterscheiden also zwischen den berechtigten Interessen der Palästinenser und extremistisch motivierter Gewalt?

Das sind zwei verschiedene Welten. Doch derjenige, der sich in der Londoner U-Bahn in die Luft sprengt, findet seine Beweggründe auch im palästinensischen Drama. Die Leute in der arabischen Welt glauben, der Westen sei ungerecht. Wenn in Madrid ein Attentat geschieht, ist die ganze Welt in Trauer. Wenn Menschen in den arabischen Ländern sterben, läuft das im Westen nur unter ferner liefen.

In Ihrem Roman unternehmen Sie den Versuch, Selbstmordattentäter zu verstehen. Geht das überhaupt?

Ja, ein bisschen schon. Man kann begreifen, was im Kopf eines Attentäters vorgeht. Das heißt natürlich nicht, dass man es billigt. Wenn man aber versteht, was da geschieht, kann man andere Menschen vielleicht davon abhalten, diesen Weg einzuschlagen.

Es gibt die Diskussion, wonach der Westen über Jahre hinweg zu abwartend, zu tolerant mit islamistischen Tendenzen umgegangen sei. Haben wir in Europa zu lange auf den Dialog der Kulturen gesetzt?

Der Okzident war in der Vergangenheit nicht tolerant gegenüber den Islamisten, sondern er hat sie lange Zeit gewähren lassen oder sie sogar unterstützt, weil er dachte, die Extremisten würden sich darauf beschränken, nur in ihren eigenen Ländern Schaden anzurichten. Der Westen hat sie manipuliert und es nicht für möglich gehalten, dass sie sich eines Tages gegen ihn selbst richten würden. Der Westen hat die Islamisten unterschätzt. Tatsächlich leiden die Muslime weltweit viel, viel stärker unter dem Islamismus als der Westen.

Die Fragen stellte Thomas Ludwig.

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