Jörg Immendorff
Argumente für eine Fälschung

Um ein angebliches Gemälde von Jörg Immendorff wird am Düsseldorfer Landgericht seit vier Jahren in der ersten Instanz gestritten. Jetzt geht der Prozess möglicherweise in seine vorerst letzte Runde. Der Kunsthistoriker Siegfried Gohr hält das Bild für eine Fälschung.
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DüsseldorfSeit vier Jahren wird vor dem Landgericht Düsseldorf um ein angebliches Werk des 2007 gestorbenen Malers Jörg Immendorff gestritten. In der letzten Woche nahm der Prozess, der noch immer in der ersten Instanz verhandelt wird, durch eine gutachterliche Einschätzung eine möglicherweise entscheidende Wende. Siegfried Gohr, Professor für Kunstgeschichte an der Kunstakademie Düsseldorf, hält das Gemälde für eine Fälschung. Klägerin ist die Witwe des Künstlers, Oda Jaune. Sie hält das Bild für eine Fälschung und will es vernichten lassen. Der Eigentümer des Gemäldes verweist demgegenüber auf ein Echtheitszertifikat und legte eidesstattliche Versicherungen vor. Ein Vergleich der streitenden Parteien scheiterte vor einem Jahr.

Bei dem umstrittenen Gemälde soll es sich um eine Reproduktion des Bildes „Ready-made de l’Histoire dans Café de Flore“ handeln. Anders als das Original sei sie im Hochformat angefertigt worden, erläuterte Gohr. Einen Befangenheitsantrag gegen ihn hatte das Gericht zuvor abgelehnt. „Dabei hielt es den Gutachter zuvor selber für befangen“, sagte der Düsseldorfer Rechtsanwalt Jochen Zirkel, der den Eigentümer des strittigen Bildes vertritt. Der Kunsthistoriker Siegfried Gohr arbeitet zurzeit im Auftrag des Galeristen und Nachlassverwalters Michael Werner am Werkverzeichnis des Künstlers.

Zertifikat mit Affenstempel

Nach Ansicht von Gohr ist die strittige Version des Original-Bildes mit Hilfe eines Diaprojektors auf die Leinwand gebracht und so reproduziert worden. Auch die zuständige Richterin habe bei eingehender Betrachtung Unterschiede zum Original bemerkt.

„Das streitgegenständliche Bild wurde vom Bruder meines Mandanten 1999 im Hause Immendorff auf der Stephanienstraße von einem Mitarbeiter für 30.000 Mark gekauft“, erläuterte Rechtsanwalt Zirkel. Dazu gehörte ein von Jörg Immendorff handschriftlich unterschriebenes, nicht datiertes Echtheitszertifikat mit Affenstempel und der maschinenschriftlichen Formulierung, er bestätige die Echtheit seines Werkes. „Deshalb geht mein Mandant davon aus, dass das Bild echt ist“, sagte Zirkel. Seiner Beschreibung nach befindet sich der Affenstempel zur Hälfte auf dem Papier und auf dem oben rechts auf dem Zertifikat platzierten Foto des Bildes.

Dem Verfahren vorausgegangen war eine von der Klägerin, Oda Jaune, initiierte Einstweilige Verfügung. „In diesem Zusammenhang hatten sowohl der Bruder als auch der Mitarbeiter von Immendorff eidesstattliche Versicherungen abgegeben, dass im Haus Stephanienstraße das Bild an den Bruder verkauft wurde und zwar im Auftrag von Immendorff“, erläuterte der in Düsseldorf praktizierende Rechtsanwalt des Eigentümers. Jaune war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Arbeitsteilung im Atelier

Seit 1997 litt Immendorff, Jahrgang 1945, unter einer tödlichen Nervenkrankheit. Der Kauf des Bildes 1999 fällt damit in eine Zeit, in der der Künstler versuchte, das Leben auf das Heftigste auszukosten, indem er kostspielige Sex- und Drogenorgien feierte.

Assistenten malten später arbeitsteilig nach seinen Anweisungen. Diese Gemälde haben jedoch nach Ansicht von Siegfried Gohr keine Ähnlichkeit mit dem Bild, um das nun gestritten wird. „Die Fälschung lässt sich ganz klar von den unter Aufsicht entstandenen Gemälden unterscheiden. Das hat mit der eigenhändigen Malweise von Jörg Immendorff nichts zu tun.“

"Das Spätwerk war nie abgewertet" 

Im Übrigen weist Gohr die Mutmaßung zurück, die Deklaration des Bildes als Fälschung diene dazu, das Spätwerk von flachen Kopien rein zu halten, um es wieder aufzuwerten. „Das Spätwerk war nie abgewertet.“ Im Übrigen, wer wisse schon, wann das strittige Bild entstanden sei? Das der Reproduktion zugrunde liegende Original stammt nach Angaben Gohrs aus Immendorffs produktivster Schaffensphase während der achtziger Jahre.

„Wenn das Gericht feststellt, dass das umstrittene Werk eine Fälschung ist, könnte seine Vernichtung verlangt werden, sagte Rechtsanwalt Jochen Zirkel und kündigte an, dass er dann in die Berufung ginge. Das Gericht wird seine Entscheidung am 17. Oktober verkünden.

Noch in diesem Jahr soll im Verlag Walther König der zweite Band des Werkverzeichnisses erscheinen, der die Jahre 1999 bis 2007 abdeckt. Unter Umständen wird darüber hinaus ein Supplementband publiziert, der alle zweifelhaften Werke aufnehmen soll, auch die Kopien, die Assistenten gemalt haben. Aber das ist noch nicht entschieden. Band 1, der die Schaffensjahre 1964 bis 1998 umfasst, soll erst danach, jedoch zeitnah erscheinen.

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