Karl-May-Jubiläum
Winnetou trotzt den Zauberlehrlingen

Moderne Märchen wie „Harry Potter“ haben die Abenteuerwelten von Karl May bei jungen Lesern verdrängt. Doch sein 100. Todestag beschert den Büchern nun neue Aufmerksamkeit. Einer deutschen Erfolgsgeschichte auf der Spur.
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DüsseldorfIm beschaulichen Radebeul ist, mit Verlaub, in der Regel nicht allzu viel los. Die sächsische Kleinstadt mit ihren gut 33.000 Einwohnern steht nur selten im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Ähnliches gilt für den berühmtesten Bürger des Orts: Karl May. Der Schriftsteller ist vor 100 Jahren in Radebeul gestorben, nachdem er lange Jahre dort gewohnt hat. Und so ist es auch dieser Gedenktag, der dem meistgelesenen deutschsprachigen Autor nach ein paar Jährchen in der Versenkung einen Aufmerksamkeitsschub verschafft.

Meistgelesen? Das „wohl“ oder „einer der“, was der Formulierung oft voraus geht, kann gestrichen werden, erklärt Bernhard Schmid, Leiter des Karl-May-Verlags. Eine Auflage von 100 Millionen Büchern allein in Deutschland, das schaffen weder Hesse noch Konsalik. Auch Schmid wird am Freitag am Festakt zum Gedenken an May in Radebeul teilnehmen.

Dort befindet sich das Karl-May-Museum, das einstige Wohnhaus, die Villa „Shatterhand“, hier wurde 1913 der Karl-May-Verlag gegründet. Nach dem Krieg siedelte das Unternehmen sich im bayerischen Bamberg an – und blickt heute auf eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte zurück.

3.000 bis 4.000 Bände verkauft der Verlag nach eigenen Angaben jährlich allein von Winnetou, insgesamt sind es um die 100.000 Stück. „Unzufrieden sind wir damit nicht“, erklärt Schmid, „aber als Verlag, der wirtschaftlich denkt, will man natürlich immer mehr.“

Diese Zufriedenheit ist nicht selbstverständlich. Der Karl-May-Verlag hat es als einer der wenigen monothematischen Verlage geschafft, sich nicht nur zu etablieren, sondern auch über ein ganzes Jahrhundert zu erhalten. Beachtlich, da seit rund 60 Jahren die Urtexte Karl Mays nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen und praktisch frei druckbar sind.

„Das wird immer mal wieder versucht“, erklärt Schmid emotionslos. Einzig wirkliche Billigausgaben würden für Sorgenfalten sorgen. Allen gemein ist die Tatsache, dass sie nach einer Zeit wieder verschwunden sind. Die Trümpfe des Verlags sind die bekannten grün-goldenen Hardcover sowie die Aktualisierungen und Editionen. Das betrifft auch die Sprache, die mit der Zeit eine sanfte Modernisierung erfahren hat. „Die Urtexte hätte ich als Kind auch nicht gelesen“, gibt der Verleger unumwunden zu.

Das Angebot anderer Verlage beschränkt sich auf die bekanntesten, best verkauften Werke, zum Beispiel die Winnetou-Reihe. Allein die Ausgaben der gesammelten Werke umfassen jedoch über 90 Bände. Dass Interesse vorhanden ist, zeigen unter anderem die gerade erschienen Taschenbücher des Oetinger Verlags. Pünktlich zum Todestag stehen die preisgünstigeren, aber vom Stammverlag lizenzierten Ausgaben in den Regalen. Und das spielt auch dem Karl-May-Verlag in die Hände.

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