Kendell Geers
Zündstoff Apartheid

Provokante Zivilisationskritik gehört zu den Markenzeichen von Kendell Geers. Werke des Südafrikaners werden in Pariser und Brüssler Galerien im oberen fünfstelligen Bereich gehandelt. In Deutschland ist der Künstler fast ein Unbekannter. Das Haus der Kunst in München will dies mit einer sogenannten „Mid-Career-Retrospektive“ ändern.
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MünchenAls der junge, südafrikanische Künstler Kendell Geers, Jahrgang 1968,  im Jahr 2000 nach Europa umsiedelte, empfing ihn die Kunstszene mit offenen Armen. Er gilt als Provokateur, der die Sprache der zeitgenössischen Konzeptkunst spricht. Einer, der aus zwei Autoreifen und einem aufgesprühten Schriftzug ein sinnreiches Kunstwerk im Stil einer Straßenbarrikade kreiert. Einer, der als Weißer die Apartheid als quälende psychologische Selbsterfahrung thematisiert, indem er die missglückte Häutung in einem blutüberströmten fotografischen Selbstporträt festhält. Die eigene Biografie lieferte Zündstoff und Inspiration für den Zeichner, Video- und Installationskünstler und Fotografen.

Erfahrung der Apartheid

Kendell Geers wird bis heute als einer der prägnantesten Vertreter einer jüngeren südafrikanischen Künstlergeneration gehandelt. Und daran will auch die erste große Werkschau, die das Münchner Haus der Kunst dem heute in Brüssel lebenden 45-jährigen ausstattet, nicht rütteln. Schließlich blitzt die Erfahrung der Apartheid auch in den jüngsten Werken noch durch, wenn er zum Beispiel einen widerlichen Nato-Stacheldraht verwendet. Für Geers ist das ein unmissverständliches Material mit politisch-assoziativer Botschaft, das er  immer wieder anders einsetzt. Im Haus der Kunst durchschneidet ein wandhoher Nato-Stacheldraht einen ganzen Raum wie die Absperrung einer No-Go-Area. Wer das Gefühl von rigider Ausgrenzung nicht kennt, hier kann er es erfahren. Ob gewollt oder nicht, hinter dem Zaun versammeln sich Geers´ frühe Arbeiten wie in einer Asservatenkammer des inneren Aufruhrs. An dicken Seilen hängen Dutzende von Ziegelsteinen von der Decke. „Hanging Piece“ von 1993 könnte auch rein phonetisch als „Hanging peace/am Faden hängender Frieden“ gedeutet werden. Denn Ziegelsteine gehörten zum Waffenarsenal der Anti-Apartheid-Bewegung.

Doppelbödigkeit als Methode

Die Ausstellung in München macht deutlich, es gibt ein Werk vor und eins nach dem Jahr 2000. Wer so ein sakral anmutendes Labyrinth aus perfidem Nato-Stacheldraht mit einem verspiegelten Fußboden inszeniert wie die raumgreifende Installation „PostPunkPaganPop“ von 2008, hat sich vom Provozieren aufs Irritieren verlegt. So jemand begibt sich auf die Suche nach einer spirituelleren Wahrhaftigkeit jenseits der politischen Bewegungen. Mit doppelbödigen Bedeutungsinhalten zu jonglieren aber ist Geers Methode geblieben. Mit kryptischen Zeichen, die das Wort „Fuck“ zu einem graphischen Vexierbild machen, überzieht er Schädel und der Kunstgeschichte entliehene Skulpturen. Mit großem Pathos stattet er seine Zivilisationskritik aus, wenn er ein Paar betende Hände à la Dürer mit Handschellen versieht und aus einer Steinmauer herauswachsen lässt. Oder wenn er Terror und Glauben miteinander verschränkt wie etwa mit dem scheinbar weggesprengten, mit Nägeln versehenen Unterarm aus der Serie „Handgranates from my Heart“.

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