Klassische Moderne
Emil Noldes radikale Wende

Emil Nolde ist immer eine Reise wert. Besonders wenn dem Maler eine so gelungene Ausstellung ausgerichtet wird wie jetzt in Halle. Im Mittelpunkt steht der radikale Stil- und Motivwechsel um das Jahr 1909.
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HalleDas Jahr 1909 war für Emil Nolde ein Schlüsseljahr. Radikal änderte der damals 42-jährige Maler, der sich mit impressionistischen Gartenbildern und Landschaftsmotiven bereits einen Namen gemacht hatte, seine Malweise. Nachdem er wegen einer Trinkwasservergiftung gerade noch dem Tod entkommen war, wandte er sich biblischen Motiven zu. Sie waren ihm seit seiner Kindheit wohl vertraut. Doch gestaltete er sie in keiner Weise so altmeisterlich, wie es das Kunstpublikum gewohnt war. Stattdessen malte Nolde mit eher groben Pinselzügen und kraftvollen Farben. So brachte er auch seine eigenen Empfindungen zum Ausdruck, was beispielhaft auf dem Bild über die Leidensgeschichte Jesu zu besichtigen ist.

Nolde arbeitete wie im Rausch. Schnell hintereinander entstanden das „Abendmahl“, die „Verspottung“ und das heute in der Berliner Nationalgalerie hängende Bild „Pfingsten“. Bei zeitgenössischen Betrachtern stießen sie allerdings auf barsche Ablehnung. Heute gehören sie zu den bedeutendsten Werken des Expressionismus.

Streit um die Ankaufspolitik

Das biografisch und kunsthistorisch wichtige Jahr 1909 steht nun im Mittelpunkt einer sehr konzentrierten Nolde-Schau in Halle. Rund 80 Ölgemälde, Aquarelle und Graphiken, überwiegend zwischen 1909 bis 1913 geschaffen, versammelt die Ausstellung auf der Moritzburg. Sie stellt damit den Stilwechsel des Künstlers in den Mittelpunkt.

Zugleich arbeitet das Museum in der Saale-Stadt ein zentrales Kapitel seiner eigenen Geschichte auf. Unter der Leitung des damaligen Direktors Max Sauerlandt war die Moritzburg kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs eines der ersten Kunstmuseen in Deutschland, die sich der damals aktuellsten Kunst der Moderne öffnete. 1913, also vor genau 100 Jahren, erwarb Sauerlandt sieben Werke von Emil Nolde für das staatliche Museum in Halle, darunter das Gemälde „Abendmahl“. Dieser Ankauf löste nicht nur heftige Diskussionen in Halle selbst aus. Der Oberbürgermeister stellte sich aber entschieden hinter seinen Museumsdirektor. Auch unter den Museumskuratoren entbrannte ein öffentlich ausgetragener Streit über die Frage, ob Museen zeitgenössische Kunst, die beim Publikum längst noch nicht durchgesetzt war, kaufen sollten. Mit Steuergeldern!

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Ein Generaldirektor protestiert

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