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Kompromiss im Streit um Rechtschreibreform gefordert

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und andere Experten haben vor einer Spaltung der deutschen Sprache gewarnt und gleichzeitig einen Kompromiss im Streit um die Rechtschreibreform gefordert.

dpa BERLIN. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und andere Experten haben vor einer Spaltung der deutschen Sprache gewarnt und gleichzeitig einen Kompromiss im Streit um die Rechtschreibreform gefordert.

Dafür müsse ein Expertenrat eingesetzt werden, der seine Vorschläge bis zum Ende der bisher festgelegten Übergangszeit im Sommer 2005 ausarbeiten sollte, forderte die Akademie am Montag in Berlin auf einer Pressekonferenz. Der Vorstoß fand bei der Kultusministerkonferenz (KMK) keine Zustimmung.

Die KMK reagierte mit dem Hinweis, bereits im September ein Konzept für den von ihr seit längerem geplanten „Rat für deutsche Rechtschreibung“ vorlegen zu wollen. Darin sollen auch Kritiker sowie die „wichtigsten wissenschaftlichen und praktisch an der Sprachentwicklung beteiligten Gruppen“ mitarbeiten. Letzte Gespräche mit Vertretern der Akademie hätten allerdings „derzeit nicht überwindbare Gegensätze“ deutlich gemacht. KMK-Generalsekretär Erich Thies ergänzte auf dpa-Anfrage, dass die Kultusministerkonferenz von der Mitarbeit der Akademie für Sprache in dem Rat für Rechtschreibung ausgehe. Die Akademie habe grundsätzlich Interesse signalisiert.

Akademie-Präsident Klaus Reichert sprach in Berlin von einer „starren und vernagelten Haltung der Kultusminister“. Auch der Reformpädagoge Hartmut von Hentig warf der KKM vor, ihre Arbeit nicht getan zu haben. „Wir stehen vor einem großen Unglück. Die Lehrer sind unschlüssig und verstehen die neuen, komplizierten Regeln nicht.“ Die Akademie forderte, die Übergangszeit zur endgültigen Einführung der neuen Rechtschreibregeln um ein Jahr zu verlängern, damit die „Ausgeburten bürokratischer Denkweisen“ bei der Reform beseitigt und der „Angriff auf die deutsche Sprache“ abgewehrt werden könnten.

Unterdessen bekräftigten namhafte deutschsprachige Schriftsteller wie Günter Grass, Martin Walser, Tankred Dorst, Siegfried Lenz und Elfriede Jelinek eine „völlige Rücknahme der überflüssigen, inhaltlich verfehlten und sehr viel Geld und Arbeitskraft kostenden Rechtschreibreform“. Dies entspräche dem erkennbaren Willen der großen Mehrheit der Bürger in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Auch der Potsdamer Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg hält die alte Orthographie für besser als die neue und sogar besser als den jetzt vorgelegten Kompromiss, doch sei eine totale Umkehr „politisch unrealistisch und sachlich auch äußerst schwer zu verwirklichen“.

Die Vorschläge sehen vor, „Elemente der neuen Rechtschreibung, die nicht allzu störend sind“, beizubehalten „und die schlimmen, unsere Sprache entstellenden Fehler zu beseitigen“. So sei die Ersetzung des ß nach Kurzvokalbuchstaben durch ss sprachlich verantwortbar. Andererseits müssten Neuregelungen, die gegen die Sprachstruktur verstießen, rückgängig gemacht werden.

Selbstverständlich müsse man „anheimstellen“ zusammenschreiben dürfen, ebenso wie „haltmachen“. „Eislaufen“ und „Eis essen“ ebenso wie „Kennenlernen und Laufen lernen“ oder „wohlfühlen“ und „wohl fühlen“ seien grammatikalisch nicht das gleiche. Die Verdreifachung von Konsonantbuchstaben anstelle der bisherigen Beschränkung auf zwei Buchstaben (Bettuch) führe teilweise zu grotesken, die Lesbarkeit störenden Wortbildern wie „Schlammmasse“ oder „Schwimmmeister“. Auch gebe es keinerlei Grund für die Kleinschreibung von Höflichkeitsformen.

Die SPD-Spitze hatte am vergangenen Wochenende in Berlin deutlich gemacht, dass sie „im Interesse der Kinder und der Schulen“ an der Rechtschreibreform festhält. Dagegen begrüßte die FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Bildung, am Montag den Kompromissvorschlag. CDU-Chefin-Angela Merkel forderte kürzlich vor allem schnell Klarheit.

Die kompletten Kompromissvorschläge der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung liegen in Buchform vor (Wallstein Verlag Göttingen).

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