Kultur + Kunstmarkt
Korngolds „Tote Stadt“ als eindringliche Psycho-Oper

Als beeindruckende Traum-Inszenierung hat der Kölner Regisseur Willy Decker bei seinem Salzburg-Debüt am Sonntagabend die symbolistische Oper „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold gestaltet.

dpa SALZBURG. Als beeindruckende Traum-Inszenierung hat der Kölner Regisseur Willy Decker bei seinem Salzburg-Debüt am Sonntagabend die symbolistische Oper „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold gestaltet.

Die morbide Stadt Brügge, in die sich der Witwer Paul (Torsten Kerl) zum Trauern um seine gestorbene, über alles geliebte Frau Marie zurückgezogen hat, ist bei Decker ein dunkler Traum-Raum, der sich nach hinten öffnet und als Sinnbild für den Psycho-Wahn des Leidenden spiegelbildlich verdoppelt. Decker gelingt mit seinem Bühnenbildner Wolfgang Gussmann eine eindrucksvolle, zeitgemäß moderne, überaus intelligente Inszenierung dieser Oper aus dem Jahr 1920. Er zeichnet damit ein genaues Psychogramm der Protagonisten.

Seit dem Tod von Marie bewahrt Paul als Reliquien der Verstorbenen ihren Seidenschal, eine Laute und ihr volles blondes Haar zur Erinnerung auf und zieht sich in die „tote Stadt“ zum Trauern zurück. Da begegnet ihm Marietta (Angela Denoke), ein Ebenbild der Toten. Paul wird zerrissen zwischen dem Andenken an die Tote und der Sinnlichkeit der Lebenden, taumelt zwischen Keuschheit und Sünde. Halluzinationen treiben ihn zwischen der Erscheinung der toten Marie und der Verlockung Mariettas hin und her. Er gibt sich der Lebenden hin, um sie dann als Verführerin zu verfluchen. Im Wahn tötet er Marietta. Da erwacht Paul aus seinen Traumwirren und wendet sich mit seinem Freund und Nebenbuhler (Bo Skovhus) von der toten Geliebten hin zum Leben.

Donald Runnicles dirigierte die Wiener Philharmoniker meisterhaft durch die furiose Partitur des damals 20-jährigen Korngold. Dessen Musiksprache würde man heute Polystilistik nennen: Mit handwerklicher Meisterschaft wechselt sie von walzerhaft-romantischen Passagen zu expressiven, atonalen Ausbrüchen und findet zurück zu operettenhafter Lieblichkeit. Dazu gehören die beiden Lieder „Glück, das mir verblieb“ und „Mein Sehnen, mein Wähnen“, die sich nach 1920 zu wahren „Opern-Schlager“ entwickelt hatten.

Die Leistung der Sänger gegen die fast immer auftrumpfende Musik war enorm, bei Angela Denoke als Marietta überragend. Zu Unrecht, so scheint es nach dieser Neuinszenierung, wurde der vor den Nazis nach Amerika geflohene Komponist auf seine vermeintlich seichten Kompositionen von Film-Musiken in Hollywood reduziert. Immerhin hat Korngold dafür zwei Oskars bekommen. Die letzte Premiere der diesjährigen Salzburger Festspiele wurde in Deckers Inszenierung zu einem überzeugenden Beleg für eine gelungene Wiederentdeckung dieser Korngold-Oper.

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