Krimi-Autor Volker Kutscher
„Plötzlich läuft ein SA-Schlägertrupp daher“

Gereon Rath ist einer der angesagtesten deutschen Kommissare. Die Romanfigur von Volker Kutscher ermittelt im Berlin der 20er- und 30er-Jahre. Der Autor über „deutsche Cola“, Bandenkriminalität und eine Schnapsbrennerei.
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Die Weimarer Republik und die beginnende Nazi-Herrschaft in Deutschland prägen die historischen Krimis von Volker Kutscher. Kommissar Gereon Rath ermittelt in Berlin mitten in den politischen Umbrüchen jener Zeit. Soeben ist der fünfte Band der Reihe erschienen. „Märzgefallene“ schaffte den Sprung in die „Spiegel“-Bestsellerliste.

Herr Kutscher, wer Ihre Rath-Krimis liest, findet sich mitten in der Wirtschaftswelt der Weimarer Republik wieder. Dabei tauchen immer wieder Markennamen auf, die heute noch jeder kennt. Wie wichtig sind die Marken für Ihre Bücher?
Meine Leser sollen sich zu Hause fühlen in der Welt von Gereon Rath, und für mich stellen diese Marken eine Kontinuität dar von der Vergangenheit bis heute. Mir geht es darum, den Zeitsprung von 80 Jahren vergessen zu machen, und mit Hilfe der Marken stelle ich Vertrautheit her. Das ist so wie auf Reisen: Es kann noch so exotisch sein, aber wenn da irgendwo eine bekannte Marke auf dem Tisch steht, fühlt man sich gleich ein wenig daheim. Wenn ich diese Namen erwähne, erscheint die Welt normaler. Und dann läuft plötzlich ein Schlägertrupp der SA durch die Szene – und der Leser erschrickt.

Aber die Menge an bekannten Marken in Raths Welt überrascht dann doch.
Es ist interessant, wie viele es damals schon gab – die meisten hält man für Nachkriegsmarken. Im aktuellen Roman führe ich die Afri-Cola ein: Die ist seit 1931 auf dem Markt und passt zu Gereon Rath, nicht nur weil sie aus Köln kommt wie schon die Zigarettenmarke Overstolz, die er raucht, sondern auch, weil er immer mal wieder ein Aufputschmittel braucht – und Afri-Cola war schon damals sehr koffeinhaltig.

Doch Afri-Cola hat nicht allein wegen des Koffein-Gehalts überlebt.
Afri-Cola hat sich im Dritten Reich als deutsches Gegenmodell zur amerikanischen Coca-Cola positioniert, als „deutsche Cola“ – eine ganz andere Werbestrategie als die in den 60ern mit der Flower Power von Charles Wilp.

Auf welche Marken sind Sie bei Ihren Recherchen noch gestoßen?
Bei Sinalco hatte ich immer den Werbejingle „Die Sinalco schmeckt“ im Kopf – dabei wurde die Brause schon zu Zeiten Kaiser Wilhelms auf den Markt gebracht. Odol Mundwasser wurde bereits im 19. Jahrhundert verkauft. Nivea wiederum hat schon in den 30er-Jahren mit Wasserbällen geworben, die habe ich auf alten Aufnahmen vom Strandbad Wannsee entdeckt.

Und der Krieg hat nicht zum großen Bruch geführt?
Für die meisten Firmen ging es weiter. Sogar für die ehemals jüdischen Kaufhäuser, die von den Nazis „arisiert“ und deren Eigentümer entrechtet wurden. Hermann Tietz wurde zu „Hertie“; Leonhard Tietz zu „Kaufhof“. Und nicht wenige deutsche Firmen – Stichwort Rüstungsindustrie – haben vom Krieg sogar profitiert.

Wie haben Sie recherchiert?
Fachliteratur, Filme, Fotos. Auf Markennamen stößt man auch in den Tageszeitungen der damaligen Zeit wie der Vossischen oder dem Berliner Tageblatt. In den Werbeanzeigen wurde noch viel gezeichnet, Mode beispielsweise. Aber mich interessieren natürlich auch die Informationen: Wie teuer waren damals ein Auto, ein Paar Schuhe, ein Pfund Butter?

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