Kürzung der Schulzeit
Friedrich wer?

Internationale Studien bescheinigen hiesigen Bildungspolitikern, dass junge Deutsche zu lange in Schule und Universität verweilen und dabei zu häufig zu viel lernen. Doch die Kürzung der Schulzeit hat für manche Fächer fatale Folgen. Für die Geschichte bedeutet das: Entscheidende Epochen verschwinden aus den Lehrplänen.

DÜSSELDORF. Entsetzt reagieren deutsche Politiker auf die neue OECD-Studie, die erneut ein schlechtes Licht auf das deutsche Bildungssystem wirft. Wie schon nach den Pisa-Studien werden reflexhaft die üblichen linken bis konservativen Denkmuster in gewohnten rhetorischen Formeln verkleidet. Erneut scheiden sich die Geister an der Frage des ein- oder dreigliedrigen Schulsystems. Selbst ernannte Bildungsexperten sehen die angeblich reformresistenten und überalterten Lehrer als einen der Hauptgründe für Deutschlands angebliche Schwäche.

Laut OECD bildet Deutschland zu wenige Akademiker aus. In den 29 anderen OECD-Ländern sei die Zahl der Akademiker in den vergangenen zehn Jahren um durchschnittlich 41 Prozent gestiegen, in Deutschland nur um fünf Prozent. Seit 1970 sei die Bundesrepublik beim Ländervergleich der Akademikerquoten vom zehnten auf den 22. Platz abgerutscht.

Die Statistik der OECD ist jedoch viel weniger aussagekräftig, als die aufgeregten Reaktionen vermuten lassen. Wie in allen bildungspolitischen Fragen steckt der Teufel in den Details – und die sind von Land zu Land sehr verschieden. Die OECD lässt beispielsweise völlig außer Acht, dass es in den meisten anderen industrialisierten Ländern die duale Ausbildung (Lehrbetrieb und Berufsschule) nicht gibt. Krankenpflege ist in diesen Ländern meist ein akademischer Beruf, doch ob deutsche Krankenschwestern dadurch schlechter sind, ist zweifelhaft.

Industrieverbände sind erwartungsgemäß besorgt, dass demnächst vermutlich weniger junge Ingenieure nachrücken als in Rente gehen (was angesichts der demografischen Entwicklung wenig verwunderlich ist). Ludwig Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages fordert eine Bildungsoffensive für mehr Ingenieure (Handelsblatt vom 19. September). In der gymnasialen Oberstufe sollten wenigstens zwei Naturwissenschaften bis zum Abitur belegt werden, so Braun.

Vom klassischen Ideal einer breiten Bildung, die auch fundiertes Wissen über Goethe und Shakespeare beinhaltet, ist jedoch weder in der OECD-Studie noch in den Reaktionen die Rede. Die Kenntnis der eigenen Kultur und Geschichte spielt für die Pädagogik-Statistiker offenbar keine Rolle.

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