Kunst auf Papier
Papier erobert in den Raum

Eine Ausstellung auf Schloss Moyland lotet die Grenzen von Zeichnungen aus – denn nur gerahmt an der Wand hängen war gestern. „SUPER Visions. Zeichnen und Sein“ stellt sechs junge Künstler mit großem Potenzial vor.
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Bedburg-HauIn der Haut möchte man nicht stecken. Ausgestreckt liegt der monumentale Pappmaché-Gorilla am Boden, während ihm Dutzende von kleinen Männchen aus Hasendraht und Heißkleber das Fell abziehen, um seine Haut zu Markte zu tragen. Geschäftig und routiniert pumpen die Arbeiter Augenflüssigkeit ab, brechen Zähne aus und seilen Ohrschmalz in Tonnen ab. Das tote oder nur schlafende Tier, man weiß es nicht genau, wirkt wie ein organisches Bergwerk, das systematisch ausgebeutet wird. Winden, Seile, Stege und Kräne im Miniaturformat gehen auf Illustrationen der aufklärerischen "Encyclopédie" von Diderot und d'Alembert zurück.

Das raumfüllende Papierkunstwerk und seine Vorzeichnungen von Matthias Böhler und Christian Orendt dürften sich im Museum Schloss Moyland zum Publikumsliebling entwickeln.

Während die einen über das Millimeter fein geschnittene, borstige Fell aus 4000 Seiten Schwarzkopien staunen mögen, erkennen die anderen die augenzwinkernd vorgetragene Kritik an unserer gnadenlosen Ausbeutung von Rohstoffen, Mensch und Tier.

"Give us, Dear" des Künstler-Duos Böhler und Orendt ist das spektakulärste Werk in der gehaltvollen Sonderausstellung "Supervisions. Zeichnen und Sein". In der Ausstellungshalle vor dem Wasserschloss Moyland mit der Beuys-Dauerausstellung präsentiert Kuratorin Stefanie Heckmann fünf jüngere Künstler und eine Künstlerin.

Gemeinsam ist allen das leidenschaftlich genutzte Medium der Zeichnung. Das schließt inzwischen das lustvolle Ausgreifen in den Raum mit ein. Nur auf einem Bogen Papier innen Verborgenes ausloten, ist nicht mehr. Das zeigte schon 2004 die vom Siemens Arts Program initiierte Schau "Gegen den Stich" in Baden-Baden.

"Supervisions ist eine Ausstellung über die Macht der Imagination," bringt Heckmann die verschiedenen Haltungen auf einen Nenner. "Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung", hatte der in Moyland mit großartigen Zeichnungskonvoluten präsente Joseph Beuys einmal bekannt. Das treffe, so Heckmann, auch auf den 26-jährigen Kosovaren Petrit Halilaj zu.

In Moyland hat Halilaj die Himmels-Paneele aus einem Tag-Nacht-Zyklus einer älteren Arbeit nicht zum ursprünglich gegenläufigen Kreislauf angeordnet. Statt der romantischen Wolkenschau über den Köpfen der Besucher hat Halilaj die Teile wild über den ganzen Raum verteilt, wie Segel einer gescheiterten Hoffnung. Auch der geistige Freiraum des Kosmos ist nur mehr in Bruchstücken zu haben, im Kosovo allemal. Immerhin hat Künstlernomade Petrit Halilaj die Ehre, Kosovo auf der Biennale von Venedig zu vertreten. Man darf gespannt sein, was dem Meister der Gesten dazu einfällt.

So konstruktiv Halilajs Zeichnungen wirken, so emotional sind sie aufgeladen mit biografischen Fragen nach Heimat, Geborgenheit und einer Utopie. Extrem persönlich sind auch die Blei- und Filzstift-Notate, mit denen Heiner Franzen einen ganzen Raum im Raum füllt.

Franzen, derzeit Professor in Braunschweig, lässt eine 20 Meter lange, schmale Hausarchitektur ins Museum bauen, ohne Fenster, innen grell beleuchtet. Dort hinterlässt er auf Kopfhöhe ungezählte Zeichnungen. Kaum etwas von den zart konturierten schnellen Verdichtungen, Figuren und "Charactors" vermag der mit seinem Werk nicht vertraute Besucher sofort entziffern.

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