Kunst auf Papier
Papier erobert in den Raum

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Zeichnungen machen Gedanken und Gefühle sichtbar

Aber darum geht es auch nicht. Die oft aus Filmen genommenen, verfremdeten Bilder "wollen nicht nur inhaltlich gelesen werden, sondern auch formal", betont der Künstler beim Aufbau. Und verweist auf den Bildrhythmus im langen Gang. Franzen installiert quasi einen allwissenden, auktorialen Erzähler in seinen Bildgeschichten und dekonstruiert diesen gleichzeitig. Franzens Zeichnungen machen Gedanken, Gefühle und deren Fluchtpunkte sichtbar. Das Haus simuliert Hirn und Hirnströme - und der Besucher darf ganz nah kommen.

Auf die mal humorvolle, mal ironische Verbindung von Wort und Bild greifen sowohl Eva von Platen als auch David Shrigley in ihren Zeichnungen zurück. Film, Werbung und Comic hinterlassen bei beiden Spuren.

Shrigley, der "Chronist des Alltäglichen, der das Absurde und Übersehene wahrnimmt", erobert sich den Ausstellungsraum zusätzlich mit Skulpturen. Eva von Platen, Professorin in Nürnberg, stellt in ihren Fundstücken gehaltvolle Fragen und hinterfängt die gezeichnete oder collagierte Absurdität des aktuellen Welttheaters akustisch/filmisch.

"Viele Arbeiten", so Kuratorin Stefanie Heckmann, "thematisieren ironisch das Scheitern an der Materie, an der Kommunikation, aber auch das Scheitern der Gesellschaft." Eine Gesellschaft, die sich derzeit durch den Zwang zum Wachstum beinahe kollektiv in den Burnout arbeitet. Die Künstler allerdings reagieren mit befreiendem Lachen. Sie halten sich an den irischen Dichter Samuel Beckett: "Wieder scheitern. Besser scheitern."

Dem Künstler in seinem vorsprachlichen Bildfindungsprozess ungefiltert zuschauen zu können - gerade das macht für die meisten Sammler den Reiz der Zeichnung aus. Das Medium erlebt, seit die Gemäldepreise für die Lieblinge der Auktionen in die Höhe schießen, eine Renaissance in Galerien und Messen.

Jede Größe bis hin zum wandfüllenden Format kommt zum Einsatz, der Materialmix, die Art des Strichs und das jeweilige Konzept verdichten sich auf Papier zu "Laboratorien im Kopf", wie Stefanie Heckmann es beschreibt.

Begehrt sind Originalzeichnungen auch deshalb, weil sie immer noch bezahlbar sind. Winzige Gedankenblitze der Eva von Platen starten in der Berliner Galerie Wien/Lukatsch bei gerade einmal 100 Euro, erst ihre mächtigen DIN-A1-Blätter liegen bei 2 400 Euro. Jennifer Chert bietet Zeichnungen von Petrit Halilaj in ihrer Galerie für Preise ab 2 000 Euro an. Matthias Held von heldart in Berlin gibt die zwischen Figuration und Abstraktion changierenden Zeichnungen von Heiner Franzen weiter für Summen zwischen 1 100 und 2 500 Euro.

Etwas höher dagegen notieren bereits die Preise für David Shrigley. Die Berliner Galerie BQ setzt seine Acryl-Gouachen mit 2 900 Euro an, die großen Monotypiensind gerahmt für 5 200 Euro zu haben. Keine Summen, die einen Freud der Spontaneität in Verlegenheit brächten.

"SUPER Visions. Zeichnen und Sein" Bis 30. Juni 2013 im Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, 47551 Bedburg-Hau; www.moyland.de

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